Heinz Demisch – Farbe und Imagination

Eine Ausstellung in Iserlohn, bis 14. April 2019
Villa Wessel

Stephan Stockmar

Heinz Demisch (1913-2000) ist als Autor bekannt geworden. Als einer der ersten hat er sich vor dem Hintergrund der Anthroposophie mit moderner Kunst beschäftigt, zunächst mit Franz Marc (1948), dann mit «Vision und Mythos in der modernen Kunst» (1959). Der Zeiten und Räume übergreifende Blick des langjährigen freien Mitarbeiters der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kommt in den Motiv-Monographien «Die Sphinx» (1977) und «Erhobene Hände» (1984) zum Tragen. Doch eigentlich war er selbst Maler. Nun ist sein zwischen 1932 und 1946 entstandenes Werk erstmals öffentlich ausgestellt, in der Villa Wessel in Iserlohn. In deren schönen Räumen werden seit 1991 regelmäßig Ausstellungen mit Werken der klassischen Moderne, des Informel und der zeitgenössischer Kunst gezeigt.

Schon die frühen Bilder zeigen eine große Begabung im Umgang mit Farbe und Licht. Nach Studien in Königsberg und Weimar unternimmt Demisch 1933/34 eine Reise per Fahrrad über die Alpen bis nach Palermo auf Sizilien, wo er dem südlichen Licht begegnet und beginnt, sich vom Naturvorbild zu lösen. Diesbezüglich erhält er auf der Rückfahrt entscheidende Anregungen am Goetheanum in Dornach, wo er unter anderem Gérard Wagner aufsucht und einige weitere, für sein Leben entscheidende Kontakte knüpfen kann. Nun beschäftigt er sich intensiv mit Rudolf Steiners auf Goethe aufbauender Farbenlehre.

Zeigt ihn ein Selbstporträt von Anfang 1934 eher kritisch-wach, so beeindruckt das – vielleicht unvollendete – Selbstbildnis von 1935/36 durch den zunächst wie verschleiert erscheinenden, doch wie in die Tiefen der Welt und des eigenen Selbstes dringenden Blick. Nun entstehen in schichtender Ölmalerei die Tiefen der Farben auslotende «Transzendenz-Landschaften». Bei allem transparenten Weben verliert er jedoch nie die klare Kontur.

Nach erschütternden Erlebnissen, Verwundung und Krankheit in Krieg und Gefangenschaft, die ihn nahe an die Todesschwelle gebracht haben, kehrt er Ende 1945 schwer krank aus Russland zurück nach Berlin. Kaum genesen, beginnt er gleich wieder zu malen. Von Januar bis August 1946 entstehen zwölf Bilder unterschiedlichen Formats, die die Themen Baum, Stein, Berg, Schleier und Licht variieren und sich ihm erst im Nachhinein, durch Hinweis eines Freundes, als Zyklus erschlossen haben. Mit diesem «Baum-Zyklus», dem der mittlere der drei Räume der Ausstellung gewidmet ist, endet sein malerisches Schaffen, aus eigenem Entschluss. Fortan ist er nur noch schriftstellerisch tätig.

Jedes einzelne der Bilder dieses reifen ‹Spätwerkes› atmet, zwischen vorne und hinten, zwischen Form und Farbe, zwischen Schleier und klarer Kontur – zwischen Tod und Leben. Wie auch der ganzen Zyklus von einem rhythmischen Atem durchdrungen erscheint: Es wird ein Motiv gesetzt, variiert, gelöst und konzentriert – dreimal, bis im zwölften Bild (das auch als Plakat-Motiv dient) die Kulmination im Sinne eines inneren Gleichgewichts der Kräfte erreicht ist. Ein sich gabelnder toter Baum in kräftigem Rot verzweigt sich zunehmend, die Äste verschlingen und kreuzen sich, lassen einen lichten Raum in der Mitte frei, während sich von der Seite her ein Berg in das Bild schiebt, der im fünften Bild visionsartig zwischen den Astgabeln erscheint. Lichte, bewegte Schleierstrukturen vermitteln zwischen den verschiedenen, nicht nur räumlich definierten Bildebenen. Nachdem im siebten Bild der Baum ganz verschwunden ist, taucht er im achten Bild diesseits eines Flusses in neuer Form wieder auf: Am Grunde der beiden toten, nun stumpfen Gabeln entspringt eine neuer Ast, der sich im neunten Bild rötlich belaubt, während der Stumpf zu einem aufgespaltenen kreuzförmig-spießigen Gebilde ‹ergrünt›.

Im letzten Bild sind die beiden Baumteile ganz voneinander getrennt – der abgestorbene als erstarrte geisterhafte Erscheinung weiter hinten auf einem grünen Hügel stehend; der lebendige, nun unter einem roten Stein hervorsprießende Teil sich über links nach rechts in die Höhe schwingend, einer lichten schalenförmigen Sichel entgegen, die eine fahle runde Scheibe umfasst. Der Schleier macht eine zu diesem Trieb gegenläufige Bewegung: Er schwingt sich von links unten nach rechts oben und umgibt – nun in Pfirsichblüt – den Hostienmond, während der Berg sich links davon in verhaltenem Blau erhebt.

Auch wenn insbesondere das vierte, achte und zwölfte Bild als greifbare Landschaften erscheinen, bleibt der imaginative Charakter dieser Bilder nicht verborgen. Geistiges tritt hier auf ganz sachlich-objektive Weise nicht nur ins Bild, sondern verbindet sich real mit der ersterbenden Erdensphäre, diese neu belebend. Die Kunsthistorikerin Christa Lichtenstern, die 2016 unter dem Titel «Farbe und Imagination» eine umfangreiche Monographie über Demisch vorgelegt1und nun auch in die Ausstellung eingeführt hat, spricht in diesem Zusammenhang zurecht von «substanzieller Malerei». Demisch hat mit diesen Bildern nicht nur seine eigene, durch die Kriegserfahrung bedrohte Existenz neu begründet! Vielleicht war gerade dies seine Aufgabe als Maler.

1 Christa Lichtenstern: Farbe und Imagination. Heinz Demisch – Maler und Schriftsteller, Baden-Baden 2016, in der Ausstellung für 25 EUR erhältlich. Ansonsten: 29,80 EUR, ISBN 978-3-945364 -05- 5, zu bestellen unter: Vgl. meine Besprechung in ‹die Drei›, 7/2016