In Bewegung zwischen Chaos und Ordnung:
50 Jahre Kraftwerk Block Beuys in Darmstadt

Stephan Stockmar

«Bewegte Skulptur kann sich für mich nur in einer Aktion realisieren – in einer Aktion, wo sie durch jene Grundstrukturen eines chaotischen Anfangs, der Bewegung durch die Mitte und endend in der Form erklärt wird. Dies geschieht in einer direkten oder einer noch einmal zurück in das Chaos gewendeten Bewegung, um im nächsten Moment wieder umzukehren.»

Joseph Beuys im Gespräch mit Richard Hamilton, in: Eva, Wenzel und Jessyka Beuys: Joseph Beuys Block Beuys (gekürzte Sonderausgabe), München 1997, S. 8.

Das Hessische Landesmuseum Darmstadt feiert 50 Jahre nach dessen Einrichtung den «Block Beuys» als ein Kraftwerk: Im April 1970 hat der Künstler selbst dort Schlüsselwerke und zahlreiche Objekte aus seinen vielen Aktionen in sieben Räumen inszeniert – als eine Art Wunderkammer in dem vor 200 Jahren begründeten Universalmuseum, das neben kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen auch solche zur Naturgeschichte umfasst. Genau um diesen Kontext geht es Beuys: nicht Kunst um ihrer selbst willen, sondern in Verbindung zum Leben und seiner Geschichte. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind für ihn ebenso Grundlage seines Schaffens wie spirituellen Erfahrungen an den Grenzen des Lebens.

Kraftwerk Block Beuys, bis 24. Mai 2020 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, www.hlmd.de.

Die vollständige Besprechung der Ausstellung hier

 

Wie kommt das Geistige in die Kunst?
Zur Ausstellung »Lebensmenschen. Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin« im Museum Wiesbaden

Stephan Stockmar

»Ich liebe alles, was nicht ist, in denen, die um mich sind und in dem, was ich bin und in dem, was ich mit allen meinen Sinnen spüre« – Marianne von Werefkin, 16. Juli 19021

Den Auftakt zur Ausstellung bilden zwei Selbstbildnisse. Das von Marianne von Werefkin (1910) ist im Münchner Lenbachhaus, der ersten Station dieser Ausstellung zuhause, das von Alexej Jawlensky (1912) im Museum Wiesbaden, wo die Ausstellung nun bis zum 12. Juli 2020 zu sehen ist und von wo aus sie auch durch Roman Zieglgänsberger konzipiert wurde.

Beide Bildnisse sind von kräftiger Farbigkeit aus durchaus ähnlichen Paletten. Und beide haben nicht nur den akademischen Naturalismus des 19. Jahrhunderts hinter sich gelassen, sondern repräsentieren bereits vollgültig die gerade sich entwickelnde expressionistische Malweise. Doch damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Marianne von Werefkins ›behüteter‹ Kopf auf gestrecktem Hals schaut den Betrachter aus glühend roten Augen an. Während Alexej von Jawlenskys dunkle Augen in dem runden, fast kahlen Schädel, der mit kurzem dicken Hals dem Rumpf aufsitzt, prüfend auf den gerichtet erscheinen, der gerade malt – auf sich selbst. Er bleibt bei sich und scheint zu sagen »Ich und die Farben sind eins«.

Bei Werefkin sind Gesicht und Hals noch deutlich durch die Licht und Schatten folgende Farbigkeit modelliert. Die Farben auf Jawlenskys Gesicht dagegen bewegen sich frei und verleihen ihm trotz des deutlichen Volumens eine flächige Wirkung. Werefkin zeigt sich als Intellektuelle, die wirken will, Jawlensky als sinnlicher Gemütsmensch.

So kommt gleich zu Beginn die große Unterschiedlichkeit der beiden aus Russland stammenden Künstlerpersönlichkeiten zum Tragen, die über 29 Jahre auf symbiotische und zugleich problematische Art und Weise miteinander verbunden waren und sich auch nach der endgültigen Trennung künstlerisch einander verpflichtet wussten. Die Wiesbadener Ausstellung macht über 15 Räume hinweg ihre künstlerische wie lebensmäßige Verflechtung auf eindrucksvolle Weise anschau- und nachvollziehbar.

›Lebensmenschen. Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin‹. Ausstellung im Museum Wiesbaden bis 12.7.2020, www.museum-wiesbaden.de/lebensmenschen

Die vollständige Besprechung der Ausstellung hier

Zitat des Monats Februar/März 2020

»Ja, man ist Empfänger, aber man produziert das, was man empfängt, selbst aufgrund seiner eigenen kreativen Möglichkeit. Sonst wäre man ja einfach nur eine passive Durchgangsstation. Man schließt sich dem Inhalt, der überall und irgendwo ist, auf. Aber indem man ihn aufschließt, aus eigener Tätigkeit, das heißt aus Freiheit, verwandelt man auch den vorgegebenen Inhalt im Sinne des Menschen. Das heißt der Mensch ist der Schöpfer der Zukunft und kein anderer.«

Joseph Beuys zu Irmeline Lebeer, 1980, zitiert in: Eva Beuys, Wenzel Beuys: Joseph Beuys. Die Eröffnung 1965 … irgend ein Strang … Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt (Nr. IX der Schriftenreihe des Joseph Beuys Medien-Archivs), Berlin 2010, S. 56f.

Vgl. den unten stehenden Ausstellungshinweis »Kraftwerk Block Beuys«, bis 24. Mai 2020 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt

Diese Äußerung von Beuys passt genau auf die gegenwärtige Situation: Passion und Ostern im Zeichen des Corona-Virus. Dazu hier einige Gedanken.

Wie das gesellschaftliche Corona-Experiment mir zum Selbstexperiment geworden ist, beschreibe ich hier.