Zitat des Monats Februar/März 2020

»Ja, man ist Empfänger, aber man produziert das, was man empfängt, selbst aufgrund seiner eigenen kreativen Möglichkeit. Sonst wäre man ja einfach nur eine passive Durchgangsstation. Man schließt sich dem Inhalt, der überall und irgendwo ist, auf. Aber indem man ihn aufschließt, aus eigener Tätigkeit, das heißt aus Freiheit, verwandelt man auch den vorgegebenen Inhalt im Sinne des Menschen. Das heißt der Mensch ist der Schöpfer der Zukunft und kein anderer.«

Joseph Beuys zu Irmeline Lebeer, 1980, zitiert in: Eva Beuys, Wenzel Beuys: Joseph Beuys. Die Eröffnung 1965 … irgend ein Strang … Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt (Nr. IX der Schriftenreihe des Joseph Beuys Medien-Archivs), Berlin 2010, S. 56f.

Vgl. den unten stehenden Ausstellungshinweis »Kraftwerk Block Beuys«, bis 24. Mai 2020 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt

Diese Äußerung von Beuys passt genau auf die gegenwärtige Situation: Passion und Ostern im Zeichen des Corona-Virus. Dazu hier einige Gedanken.

Wie das gesellschaftliche Corona-Experiment mir zum Selbstexperiment geworden ist, beschreibe ich hier.

Zitat des Monats Dezember 2019

Aus Liebe zur Handlung

»Nur wenn ich meiner Liebe zu dem Objekt folge, dann bin ich es selbst, der handelt. […] Ich erkenne kein äußeres Prinzip meines Handelns an, weil ich in mir selbst den Grund des Handelns, die Liebe zur Handlung gefunden habe. Ich prüfe nicht verstandesmäßig, ob meine Handlung gut oder böse ist; ich vollziehe sie, weil ich sie liebe. Sie wird ›gut‹, wenn meine in Liebe getauchte Intuition in der rechten Art in dem intuitiv zu erlebenden Weltzusammenhang drinnensteht; »böse«, wenn das nicht der Fall ist. Ich frage mich auch nicht: wie würde ein anderer Mensch in meinem Falle handeln? – sondern ich handle, wie ich, diese besondere Individualität, zu wollen mich veranlasst sehe. Nicht das allgemein Übliche, die allgemeine Sitte, eine allgemein-menschliche Maxime, eine sittliche Norm leitet mich in unmittelbarer Art, sondern meine Liebe zur Tat.«
Rudolf Steiner, ›Die Philosophie der Freiheit‹ (GA 4), Dornach 1995, S. 162.

»Draußen hinter den Ideen von rechtem und falschem Tun liegt ein Acker. Wir treffen uns dort. Das ist die ganze Aufgabe. Aber um sie zu erledigen, bedarf es zweier Voraussetzungen. Erstens man muss sich treffen wollen. Und zweitens muss man den Acker tatsächlich bearbeiten.«
Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, persischer Sufi-Mystiker des 13. Jahrhunderts
(zitiert nach Kofi Annan, ›Brücken in die Zukunft. Ein Manifest für den Dialog der Kulturen‹, Frankfurt a.M. 2001.

Vgl. meine Artikel
Wie kommt Neues in die Welt? Von der Ressourcenverwaltung zur Zukunftsgestaltung – Teil I
Aus Liebe zur Handlung. Von der Ressourcenverwaltung zur Zukunftsgestaltung – Teil II

Zitat des Monats Mai 2019

»Ich heiße Greta Thunberg, ich bin 16 Jahre alt und komme aus Schweden. Und ich möchte, dass Sie in Panik geraten. Ich möchte, dass Sie sich so verhalten, als würde ihr Haus brennen. (…)

Wir befinden uns mitten in der sechsten Massenausrottung, und die Ausrottungsrate ist 10.000 mal schneller als es normal wäre. Bis zu 200 Arten werden jeden Tag ausgerottet. Die Erosion von fruchtbarem Humusboden, die Vernichtung unserer großartigen Wälder, toxische Luftverschmutzung, der Verlust von Insekten und wildlebenden Tieren, die Versauerung unserer Weltmeere: Das sind alles katastrophale Trends, die beschleunigt werden durch einen Lebensstil, den wir hier in unserem finanziell gut gestellten Teil der Welt einfach weiter führen.
Aber kaum jemand weiß von diesen Katastrophen oder versteht, dass dies nur wenige erste Symptome sind eines Klima- und ökologischen Bruchs und Niedergangs. Wie könnten sie es auch wissen; niemand hat ihnen davon in der richtigen Art und Weise erzählt. (…)

Unser Haus ist dabei zusammenzubrechen. Die Zukunft, und auch das, was wir in der Vergangenheit erreicht haben, liegt wirklich wörtlich in ihren Händen. Und es ist noch nicht zu spät, etwas zu tun. Da muss man weitgreifende Visionen haben, da muss man Mut haben. Da muss man auch wild entschlossen sein, jetzt etwas zu tun, um die Grundlagen zu legen, das Fundament zu schaffen, auch wenn wir noch nicht wissen, wie die Decke aussehen soll in allen Details. Da muss man wirklich Kathedrale denken. Und ich fordere sie auf, jetzt zu erwachen und die erforderlichen Veränderungen möglich zu machen. Ihr Bestes zu tun, reicht nicht mehr. Wir müssen alle das anscheinend Unmögliche tun. Ja, es ist auch okay, wenn sie mir nicht zuhören wollen. Ich bin, wie gesagt, nur eine 16jährige Schülerin aus Schweden. Aber sie können die Wissenschaft nicht einfach ignorieren oder die Wissenschaftler oder die Millionen von Kindern, die ihren Schulstreik durchführen, weil sie ein Recht auf Zukunft wollen. Ich appelliere wirklich an sie, hier nicht zu scheitern.«

Greta Thunberg in ihrer Rede am 16. April 2019 vor dem Europa-Parlament; Originalfassung bzw. deutsche Übersetzung

Siehe auch das Buch »Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima«, von Greta & Svante Thunberg, Beata & Malena Ernman, Frankfurt 2019

Vgl. meinen Artikel Die Mitte – »Frucht und Keim zugleich«. Oder: Nur aus der Ohnmacht kommt Neues in die Welt

Zitat des Monats Dezember 2018

»Der Punkt bedarf keines Maßes, um alles in Gang zu halten, und dennoch, er beansprucht Raum. • Ist es aber möglich, ›maß-los‹ Raum in Anspruch zu nehmen? • Das ist ausschließlich im Geiste möglich.[…]

Ist nicht die Gegenwart – bar jeden Maßes – Teil des Universums? • Besäße die Gegenwart ein Maß – wären nicht Vergangenheit und Zukunft dadurch voneinander getrennt? Was wäre mit dem Leben, mit dem Wort, mit der Musik? • Ist nicht gerade diese ›Un-Dimension‹ Voraussetzung für alles Lebendige, so wie die ›Un-Dimension‹ des Punktes Voraussetzung der Geometrie ist? •

Ist der Geist grenzenlos? • Dank des Raumes gibt es physikalische Gesetze, und ich kann als Bildhauer tätig sein. • Welche Art von Raum ermöglicht Grenzen in der Welt des Geistes? […]

Ist es nicht zwischen dem ›nicht-mehr-Sein‹ und dem ›noch-nicht-Sein‹, wohin wir gestellt wurden? • Ist nicht die Kunst Folge eines Bedürfnisses – wunderschön und beschwerlich – das uns dahin bringt, zu versuchen, das zu tun, wozu wir uns nicht imstande glauben? • Ist nicht dieses Bedürfnis Beweis dafür, dass der Mensch seine Bestimmung als nicht determiniert erachtet?«

Eduardo Chillida, aus »Preguntas – Fragen«
Originalbeitrag als Faksimile mit Übersetzung in: ›Bauen – Wohnen – Denken. Martin Heidegger inspiriert Künstler‹, hrsg. Von Hans Wielens, Münster 1994

Siehe auch unten: Ausstellungshinweise

Zitat des Monats November

»Und nun gehört es wieder zu den bedeutsamen, inneren großen Erlebnissen, dass wir uns, auf einen Schicksalsschlag zurückblickend, nicht sagen: Er hat uns getroffen, er ist uns durch einen Zufall zugestoßen, sondern dass wir uns sagen: In diesem Schicksal haben wir schon gesteckt; dadurch haben wir uns erst zu dem gemacht, was wir heute sind. […]Das Zusammenwachsen mit dem Schicksal wird erlebt. Das Ich dehnt sich aus über das Schicksal. […] unser Wille, unser gefühlsgetragener Wille wächst in die Zeitenweiten zurück, wächst sich aus, so dass er mit unserem Schicksal zusammenfällt, wird immer stärker. Indem wir uns mit unserem Schicksale eins fühlen, erleben wir nicht das Sterben in den Gedanken, sondern ein immer Lebendiger- und Lebendigerwerden des Willens. Während der Wille zunächst in dem einzigen Punkte unserer Gegenwart konzentriert ist und wir ihn in unsere Taten und Worte ausfließen lassen, dehnt er sich, wie von einem kleinen Keimpunkte, in dem Zeitenstrom zu dem aus, was nach rückwärts leuchtet, was uns selber gewissermaßen geschaffen hat.« – Rudolf Steiner am 26.11.1914

Unter diesem Aspekt schaut Martina Maria Sam in ihrem neuen Buch auf Kindheit und Jugend Rudolf Steiners:
Martina Maria Sam: Rudolf Steiner. Kindheit und Jugend 1861-1884, Dornach 2018. Besprechung hier.

Zitat des Monats Juni

»Der Granatapfel,
Darin wir saßen,
Schimmernde Kerne:
Er barst. – Des Öffnens Spalt
In der roten Wange
War vielen ein lächelnder Mund …
Wir aber spürten die Wunde
Der herbstlichen Zeit,
Eh noch der Apfel, gewachsen nach seinem Gesetz,
Fiel
Und rollte
Und uns verlor.
[…]«

Stefan Andres, aus der Ode »Der Granatapfel« (1950), in: Stefan Andres: Der Granatapfel. Oden – Gedichte – Sonette,München 1950, S. 114ff.
Vgl. meinen Artikel: »Worte sind reife Granatäpfel«. Der Granatapfel in der neueren Literatur

Zitat des Monats Dezember 2017

»Es ist mir wichtig zu zeigen, dass jedes Individuum, auch wenn es über gefährliche Macht verfügt und gewalttätig, kaltherzig und hasserfüllt ist, ein Wesen ist, in dessen Innerstem wir etwas bewundern können. … Es liegt in der direkten Verantwortung des Menschen dem Menschen gegenüber … Erst in höchster Angst und Bedrängnis muss sie sich bewähren, dann, wenn das Menschsein gefährdet und gefährlich ist. … Meine Leser sollten nie vergessen, dass ich über Zeiten schreibe, in denen es für den Einzelnen gefährlich ist, menschlich zu bleiben. Darum wollte ich in meinen Werken auch seine Verletzbarkeit inmitten von Krieg und Katastrophen respektieren. Ich habe versucht zu zeigen, dass inmitten all der Gewalttätigkeit ein Kern bleibt, der bewundernswert ist. … Meine Werke … sind ein Versuch, zu jenem Kern vorzudringen, der in uns steckte, bevor Politik und Religion ihn verschüttet oder entstellt haben. Ich sehe das als einen Weg der Rettung.«

Bachtyar Ali in seiner Dankesrede zur Verleihung des Nelly Sachs Preises der Stadt Dortmund am 10. Dezember 2017.

In Bachtyar Alis kürzlich auf Deutsch erschienenem Roman »Die Stadt der Weißen Musiker« unterhalten sich ein im Exil lebender kurdischer Autor und ein im Irak als »Quaqnas« (Phönix) lebender kurdischer Musiker, der im Zuge der grausamen Kriege und Auseinandersetzungen dort mehrfach an der Schwelle des Todes gestanden hat, über die Heimatlosigkeit:

»… Als ich ihn an jenem Abend im Hotel traf, merkte ich, dass er Heimatlosigkeit als eine Art Glück erlebte, als ein Spiel mit den Dingen. Heimatlosigkeit stiftet Frieden zwischen dem Menschen und seinem Leben, zwischen Gefühl und Realität. ›Allein die Heimatlosen begreifen das Leben‹, sagte er einmal.
Das leuchtete mir ein, aber als er sagte, nur die Heimatlosen seien mit der Welt im Einklang, stutzte ich. ›Das verstehe ich nicht. Wie sollen die Heimatlosen in Einklang mit der Welt sein? Heimatlosigkeit besteht aus Zwietracht.‹
›Haben Sie je die Ketten eines Menschenwesens gesprengt? Ali Sharafiar, ich habe viele Ketten gesprengt, sogar meine eigenen. 
Heimatlosigkeit heißt, dass der Mensch die eigenen Ketten zersprengt und fortgeht.‹«

Aus: Bachtyar Ali: Die Stadt der weißen Musiker. Roman. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Peschawa Fatah und Hans-Ulrich Müller-Schwefe, Zürich 2017 (Unionsverlag), S. 226f

Besprechung lesen.

 

Siehe auch »Der Letzte Granatapfel« von Bachtyar Ali.

Zitat des Monats September

»Im Mittelpunkt dieses Plateaus wächst ein kleiner Granatapfelbaum. Saryasi sieht ihn als Erster. ›Großer Gott, schaut mal dort. Ob man es glaubt oder nicht, das kann nur der Welt letzter Granatapfelbaum sein. Kein anderer Granatapfelbaum wächst so hoch und so abgelegen am Ende der Welt.‹ Ja, das ist der letzte Granatapfelbaum, auf einer Bergspitze, wo unsere Welt endet und die Regionen Gottes beginnen. Ein Ort, der ein seltsam grenzenloses Gefühl von Abschluss und Neubeginn in einem hervorruft. Dieser Granatapfelbaum ist auf dem Boden zweier Königreiche gewachsen: dem Reich der Realität und dem reich der Träume.
Drei Kinder sind vor diesem elenden Tag geflohen. Sie haben einen Berg erklommen, der in eine andere Welt führt.«

Aus: Bachtyar Ali: Der letzte Granatapfel. Roman. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim, Unionsverlag Zürich 2016, TB 2017; 347 Seiten

„Zitat des Monats September“ weiterlesen

Zitat des Monats Juni

»Dein Hansen weilt am Meer, mit Luft u. Wasser verwachsen. – Ich liege dauernd am Abhang jener Düne u. Sand lagert sich über mich. In der einen Tasche wohnt eine alte Kröte u. wilde Bienen sammeln Honig in meinen Hut. Hände und Finger schlagen Wurzeln tief unten im Sande, die Zehen sind bereits doppelt so lang geworden u. werden bald emporwachsen zu großen Bäumen, welche dann in einer seltenen Farbe blühen. Wenn dann der Seewind die Blütenblätter zerstreut, entsteht eine seltsame Frucht, die jeder bewundert, aber niemand anzurühren sich traut.«

Aus: Brief von Emil Nolde an Hans Fehr, 23.8.1901

»Der bildende Künstler lebt mittels seiner Augen, er sieht und schaut mit unerbittlicher Schärfe in und durch die Natur hindurch, um dann, mit seinem eigenen Wesen vermischt, danach zu gestalten, sei es Naturhaftes oder Weltfernes, sei es Göttliches oder Menschliches – selbst das rein Phantastische irgendwie ist auch naturverbunden. Das Schönste im Leben fesselt ihn und auch das grausig Unheimliche.«

Aus: Emil Nolde: Das eigene Leben Bd. 3: Welt und Heimat. Die Südseereise, Köln 2002, S. 147

Beide Zitate sind dem Katalog Emil Nolde. Die Grotesken (Berlin 2017) entnommen. Die gleichnamige Ausstellung ist bis zum 8. Juli im Museum Wiesbaden zu sehen, vom 23. Juli-15. Oktober im Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See.

Zitat des Monats April

»Die Fähigkeit, alles aus dem Blickwinkel eines anderen Menschen zu fühlen, wird im ungepanzerten Leben erworben. Wer kann so etwas? Das kann nur jemand, der die Welt wie einen Apfel aufgegessen hat und am Kap Finisterre war, am Ende der Erde, am Abgrund der Welt. Das Problem der meisten Menschen ist nicht die Tiefe des Schlundes oder die Kargheit der Felsen. Die Schwierigkeit hat mit etwas sehr viel Kleinerem zu tun: mit dem Apfelaufessen. So ist es schon immer gewesen. Dabei hat das Denken mit einem Apfel angefangen. Es ist ihnen unmöglich, Kern und Stengel, alles, einfach alles aufzuessen. Vermeidungen sind der Beginn von Krankheiten. Das ist das Grundproblem aller Grundprobleme.«

Marica Bodrožić, aus: Das Wasser unserer Träume, München 2016, S. 96.

Eine Besprechung dieses Buches finden Sie hier: Erwachen in ein neues Leben, in: die Drei 4/2017, S. 83