Zitat des Monats November

»Und nun gehört es wieder zu den bedeutsamen, inneren großen Erlebnissen, dass wir uns, auf einen Schicksalsschlag zurückblickend, nicht sagen: Er hat uns getroffen, er ist uns durch einen Zufall zugestoßen, sondern dass wir uns sagen: In diesem Schicksal haben wir schon gesteckt; dadurch haben wir uns erst zu dem gemacht, was wir heute sind. […]Das Zusammenwachsen mit dem Schicksal wird erlebt. Das Ich dehnt sich aus über das Schicksal. […] unser Wille, unser gefühlsgetragener Wille wächst in die Zeitenweiten zurück, wächst sich aus, so dass er mit unserem Schicksal zusammenfällt, wird immer stärker. Indem wir uns mit unserem Schicksale eins fühlen, erleben wir nicht das Sterben in den Gedanken, sondern ein immer Lebendiger- und Lebendigerwerden des Willens. Während der Wille zunächst in dem einzigen Punkte unserer Gegenwart konzentriert ist und wir ihn in unsere Taten und Worte ausfließen lassen, dehnt er sich, wie von einem kleinen Keimpunkte, in dem Zeitenstrom zu dem aus, was nach rückwärts leuchtet, was uns selber gewissermaßen geschaffen hat.« – Rudolf Steiner am 26.11.1914

Unter diesem Aspekt schaut Martina Maria Sam in ihrem neuen Buch auf Kindheit und Jugend Rudolf Steiners:
Martina Maria Sam: Rudolf Steiner. Kindheit und Jugend 1861-1884, Dornach 2018. Besprechung hier.

Zitat des Monats Juni

»Der Granatapfel,
Darin wir saßen,
Schimmernde Kerne:
Er barst. – Des Öffnens Spalt
In der roten Wange
War vielen ein lächelnder Mund …
Wir aber spürten die Wunde
Der herbstlichen Zeit,
Eh noch der Apfel, gewachsen nach seinem Gesetz,
Fiel
Und rollte
Und uns verlor.
[…]«

Stefan Andres, aus der Ode »Der Granatapfel« (1950), in: Stefan Andres: Der Granatapfel. Oden – Gedichte – Sonette,München 1950, S. 114ff.
Vgl. meinen Artikel: »Worte sind reife Granatäpfel«. Der Granatapfel in der neueren Literatur

Zitat des Monats Dezember

»Es ist mir wichtig zu zeigen, dass jedes Individuum, auch wenn es über gefährliche Macht verfügt und gewalttätig, kaltherzig und hasserfüllt ist, ein Wesen ist, in dessen Innerstem wir etwas bewundern können. … Es liegt in der direkten Verantwortung des Menschen dem Menschen gegenüber … Erst in höchster Angst und Bedrängnis muss sie sich bewähren, dann, wenn das Menschsein gefährdet und gefährlich ist. … Meine Leser sollten nie vergessen, dass ich über Zeiten schreibe, in denen es für den Einzelnen gefährlich ist, menschlich zu bleiben. Darum wollte ich in meinen Werken auch seine Verletzbarkeit inmitten von Krieg und Katastrophen respektieren. Ich habe versucht zu zeigen, dass inmitten all der Gewalttätigkeit ein Kern bleibt, der bewundernswert ist. … Meine Werke … sind ein Versuch, zu jenem Kern vorzudringen, der in uns steckte, bevor Politik und Religion ihn verschüttet oder entstellt haben. Ich sehe das als einen Weg der Rettung.«

Bachtyar Ali in seiner Dankesrede zur Verleihung des Nelly Sachs Preises der Stadt Dortmund am 10. Dezember 2017.

In Bachtyar Alis kürzlich auf Deutsch erschienenem Roman »Die Stadt der Weißen Musiker« unterhalten sich ein im Exil lebender kurdischer Autor und ein im Irak als »Quaqnas« (Phönix) lebender kurdischer Musiker, der im Zuge der grausamen Kriege und Auseinandersetzungen dort mehrfach an der Schwelle des Todes gestanden hat, über die Heimatlosigkeit:

»… Als ich ihn an jenem Abend im Hotel traf, merkte ich, dass er Heimatlosigkeit als eine Art Glück erlebte, als ein Spiel mit den Dingen. Heimatlosigkeit stiftet Frieden zwischen dem Menschen und seinem Leben, zwischen Gefühl und Realität. ›Allein die Heimatlosen begreifen das Leben‹, sagte er einmal.
Das leuchtete mir ein, aber als er sagte, nur die Heimatlosen seien mit der Welt im Einklang, stutzte ich. ›Das verstehe ich nicht. Wie sollen die Heimatlosen in Einklang mit der Welt sein? Heimatlosigkeit besteht aus Zwietracht.‹
›Haben Sie je die Ketten eines Menschenwesens gesprengt? Ali Sharafiar, ich habe viele Ketten gesprengt, sogar meine eigenen. 
Heimatlosigkeit heißt, dass der Mensch die eigenen Ketten zersprengt und fortgeht.‹«

Aus: Bachtyar Ali: Die Stadt der weißen Musiker. Roman. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Peschawa Fatah und Hans-Ulrich Müller-Schwefe, Zürich 2017 (Unionsverlag), S. 226f

Besprechung lesen.

 

Siehe auch »Der Letzte Granatapfel« von Bachtyar Ali.

Zitat des Monats September

»Im Mittelpunkt dieses Plateaus wächst ein kleiner Granatapfelbaum. Saryasi sieht ihn als Erster. ›Großer Gott, schaut mal dort. Ob man es glaubt oder nicht, das kann nur der Welt letzter Granatapfelbaum sein. Kein anderer Granatapfelbaum wächst so hoch und so abgelegen am Ende der Welt.‹ Ja, das ist der letzte Granatapfelbaum, auf einer Bergspitze, wo unsere Welt endet und die Regionen Gottes beginnen. Ein Ort, der ein seltsam grenzenloses Gefühl von Abschluss und Neubeginn in einem hervorruft. Dieser Granatapfelbaum ist auf dem Boden zweier Königreiche gewachsen: dem Reich der Realität und dem reich der Träume.
Drei Kinder sind vor diesem elenden Tag geflohen. Sie haben einen Berg erklommen, der in eine andere Welt führt.«

Aus: Bachtyar Ali: Der letzte Granatapfel. Roman. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim, Unionsverlag Zürich 2016, TB 2017; 347 Seiten

„Zitat des Monats September“ weiterlesen

Zitat des Monats Juni

»Dein Hansen weilt am Meer, mit Luft u. Wasser verwachsen. – Ich liege dauernd am Abhang jener Düne u. Sand lagert sich über mich. In der einen Tasche wohnt eine alte Kröte u. wilde Bienen sammeln Honig in meinen Hut. Hände und Finger schlagen Wurzeln tief unten im Sande, die Zehen sind bereits doppelt so lang geworden u. werden bald emporwachsen zu großen Bäumen, welche dann in einer seltenen Farbe blühen. Wenn dann der Seewind die Blütenblätter zerstreut, entsteht eine seltsame Frucht, die jeder bewundert, aber niemand anzurühren sich traut.«

Aus: Brief von Emil Nolde an Hans Fehr, 23.8.1901

»Der bildende Künstler lebt mittels seiner Augen, er sieht und schaut mit unerbittlicher Schärfe in und durch die Natur hindurch, um dann, mit seinem eigenen Wesen vermischt, danach zu gestalten, sei es Naturhaftes oder Weltfernes, sei es Göttliches oder Menschliches – selbst das rein Phantastische irgendwie ist auch naturverbunden. Das Schönste im Leben fesselt ihn und auch das grausig Unheimliche.«

Aus: Emil Nolde: Das eigene Leben Bd. 3: Welt und Heimat. Die Südseereise, Köln 2002, S. 147

Beide Zitate sind dem Katalog Emil Nolde. Die Grotesken (Berlin 2017) entnommen. Die gleichnamige Ausstellung ist bis zum 8. Juli im Museum Wiesbaden zu sehen, vom 23. Juli-15. Oktober im Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See.

Zitat des Monats April

»Die Fähigkeit, alles aus dem Blickwinkel eines anderen Menschen zu fühlen, wird im ungepanzerten Leben erworben. Wer kann so etwas? Das kann nur jemand, der die Welt wie einen Apfel aufgegessen hat und am Kap Finisterre war, am Ende der Erde, am Abgrund der Welt. Das Problem der meisten Menschen ist nicht die Tiefe des Schlundes oder die Kargheit der Felsen. Die Schwierigkeit hat mit etwas sehr viel Kleinerem zu tun: mit dem Apfelaufessen. So ist es schon immer gewesen. Dabei hat das Denken mit einem Apfel angefangen. Es ist ihnen unmöglich, Kern und Stengel, alles, einfach alles aufzuessen. Vermeidungen sind der Beginn von Krankheiten. Das ist das Grundproblem aller Grundprobleme.«

Marica Bodrožić, aus: Das Wasser unserer Träume, München 2016, S. 96.

Eine Besprechung dieses Buches finden Sie hier: Erwachen in ein neues Leben, in: die Drei 4/2017, S. 83

Zitat des Monats März

»Die große Frage: Denke ich das, was ich in meinen analysierenden Texten denke, wirklich? Das Denken ist, wenn es analysiert, wie Autoscooter: Man setzt sich hinein und der Wagen fährt einen, man lenkt in die eine oder die andere Richtung, stößt mit anderen zusammen, doch mit dem Klingelton erreicht die Fahrt ihr Ende, bei der deine Schuld nur darin besteht, dass du in den Wagen eingestiegen bist.«

Imre Kertész, aus: Der Betrachter. Aufzeichnungen 1991-2001, Reinbeck bei Hamburg 2016, S. 153