Zitat des Monats Mai 2019

»Ich heiße Greta Thunberg, ich bin 16 Jahre alt und komme aus Schweden. Und ich möchte, dass Sie in Panik geraten. Ich möchte, dass Sie sich so verhalten, als würde ihr Haus brennen. (…)

Wir befinden uns mitten in der sechsten Massenausrottung, und die Ausrottungsrate ist 10.000 mal schneller als es normal wäre. Bis zu 200 Arten werden jeden Tag ausgerottet. Die Erosion von fruchtbarem Humusboden, die Vernichtung unserer großartigen Wälder, toxische Luftverschmutzung, der Verlust von Insekten und wildlebenden Tieren, die Versauerung unserer Weltmeere: Das sind alles katastrophale Trends, die beschleunigt werden durch einen Lebensstil, den wir hier in unserem finanziell gut gestellten Teil der Welt einfach weiter führen.
Aber kaum jemand weiß von diesen Katastrophen oder versteht, dass dies nur wenige erste Symptome sind eines Klima- und ökologischen Bruchs und Niedergangs. Wie könnten sie es auch wissen; niemand hat ihnen davon in der richtigen Art und Weise erzählt. (…)

Unser Haus ist dabei zusammenzubrechen. Die Zukunft, und auch das, was wir in der Vergangenheit erreicht haben, liegt wirklich wörtlich in ihren Händen. Und es ist noch nicht zu spät, etwas zu tun. Da muss man weitgreifende Visionen haben, da muss man Mut haben. Da muss man auch wild entschlossen sein, jetzt etwas zu tun, um die Grundlagen zu legen, das Fundament zu schaffen, auch wenn wir noch nicht wissen, wie die Decke aussehen soll in allen Details. Da muss man wirklich Kathedrale denken. Und ich fordere sie auf, jetzt zu erwachen und die erforderlichen Veränderungen möglich zu machen. Ihr Bestes zu tun, reicht nicht mehr. Wir müssen alle das anscheinend Unmögliche tun. Ja, es ist auch okay, wenn sie mir nicht zuhören wollen. Ich bin, wie gesagt, nur eine 16jährige Schülerin aus Schweden. Aber sie können die Wissenschaft nicht einfach ignorieren oder die Wissenschaftler oder die Millionen von Kindern, die ihren Schulstreik durchführen, weil sie ein Recht auf Zukunft wollen. Ich appelliere wirklich an sie, hier nicht zu scheitern.«

Greta Thunberg in ihrer Rede am 16. April 2019 vor dem Europa-Parlament; Originalfassung bzw. deutsche Übersetzung

Siehe auch das Buch »Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima«, von Greta & Svante Thunberg, Beata & Malena Ernman, Frankfurt 2019

Zitat des Monats Dezember 2018

»Der Punkt bedarf keines Maßes, um alles in Gang zu halten, und dennoch, er beansprucht Raum. • Ist es aber möglich, ›maß-los‹ Raum in Anspruch zu nehmen? • Das ist ausschließlich im Geiste möglich.[…]

Ist nicht die Gegenwart – bar jeden Maßes – Teil des Universums? • Besäße die Gegenwart ein Maß – wären nicht Vergangenheit und Zukunft dadurch voneinander getrennt? Was wäre mit dem Leben, mit dem Wort, mit der Musik? • Ist nicht gerade diese ›Un-Dimension‹ Voraussetzung für alles Lebendige, so wie die ›Un-Dimension‹ des Punktes Voraussetzung der Geometrie ist? •

Ist der Geist grenzenlos? • Dank des Raumes gibt es physikalische Gesetze, und ich kann als Bildhauer tätig sein. • Welche Art von Raum ermöglicht Grenzen in der Welt des Geistes? […]

Ist es nicht zwischen dem ›nicht-mehr-Sein‹ und dem ›noch-nicht-Sein‹, wohin wir gestellt wurden? • Ist nicht die Kunst Folge eines Bedürfnisses – wunderschön und beschwerlich – das uns dahin bringt, zu versuchen, das zu tun, wozu wir uns nicht imstande glauben? • Ist nicht dieses Bedürfnis Beweis dafür, dass der Mensch seine Bestimmung als nicht determiniert erachtet?«

Eduardo Chillida, aus »Preguntas – Fragen«
Originalbeitrag als Faksimile mit Übersetzung in: ›Bauen – Wohnen – Denken. Martin Heidegger inspiriert Künstler‹, hrsg. Von Hans Wielens, Münster 1994

Siehe auch unten: Ausstellungshinweise

Mit der Kunst durch die Wildnis in und um uns

Zur Ausstellung »Wildnis«, bis 3. Februar 2019 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Die Ende Oktober in der Frankfurter Schirn Kunsthalle eröffnete «Wildnis» ist nicht gefährlich. Wir gehen von Bild zu Bild bzw. Video, lesen brav in den erläuternden Texte an der Wand – z.B. dass für die CoBrA-Künstler «die Auseinandersetzung mit dem Tier als einer elementaren Dimension des Menschlichen» wesentlich war. Oder: «Durch die intensive, meist auch physische Auseinandersetzung mit den ungezähmten Kräften der Natur entstehen hier Werke, die Wildnis nicht vorrangig abbilden, sondern als einen integralen Bestandteil in sich tragen.»

Gedanken zum Thema und zur Ausstellung hier.

Gibt es anthroposophische Kunst?

Was also bleibt, um einen Begriff wie »anthroposophische Kunst« sinnvoll zu füllen? Letztlich doch nur die ›Weltanschauung‹ als Lehre. Doch mit Weltanschauungskunst in diesem Sinne hatte Rudolf Steiner nun wirklich nichts am Hut. Wenn die Anthroposophie wirklich universell sein will, ist es wenig hilfreich, sie mittels einer beschränkenden Begrifflichkeit durch Abgrenzung zu behaupten.

Ganzer Beitrag hier.

Samstag, 8. Dezember 2018, 20 Uhr: Goetheanum / Schreinerei in Dornach/Schweiz
Podiumsdiskussion: Gibt es anthroposophische Kunst?
Mit Jasminka Bogdanovic, John Ermel, Prof. Dr. Reinhold Fäth, Prof. Dr. Roland Halfen, Dr. Claudia Schlürmann, Marianne Schubert, Dr. Stephan Stockmar. Moderation: Ruedi Bind

Die Diskussion findet im Rahmen der Veranstaltung der Sektion für Bildende Künste am Goetheanum statt:

250 Werke von 120 Künstlern aus 16 Ländern
Überblick über das zeitgenössische Kunstschaffen aus anthroposophischen Quellen
7.-9. Dezember 2018 in der Schreinerei am Goetheanum: Verkaufsausstellung, Auktion, Führungen, Vortrag usw.

Weitere Informationen hier.

Zitat des Monats November

»Und nun gehört es wieder zu den bedeutsamen, inneren großen Erlebnissen, dass wir uns, auf einen Schicksalsschlag zurückblickend, nicht sagen: Er hat uns getroffen, er ist uns durch einen Zufall zugestoßen, sondern dass wir uns sagen: In diesem Schicksal haben wir schon gesteckt; dadurch haben wir uns erst zu dem gemacht, was wir heute sind. […]Das Zusammenwachsen mit dem Schicksal wird erlebt. Das Ich dehnt sich aus über das Schicksal. […] unser Wille, unser gefühlsgetragener Wille wächst in die Zeitenweiten zurück, wächst sich aus, so dass er mit unserem Schicksal zusammenfällt, wird immer stärker. Indem wir uns mit unserem Schicksale eins fühlen, erleben wir nicht das Sterben in den Gedanken, sondern ein immer Lebendiger- und Lebendigerwerden des Willens. Während der Wille zunächst in dem einzigen Punkte unserer Gegenwart konzentriert ist und wir ihn in unsere Taten und Worte ausfließen lassen, dehnt er sich, wie von einem kleinen Keimpunkte, in dem Zeitenstrom zu dem aus, was nach rückwärts leuchtet, was uns selber gewissermaßen geschaffen hat.« – Rudolf Steiner am 26.11.1914

Unter diesem Aspekt schaut Martina Maria Sam in ihrem neuen Buch auf Kindheit und Jugend Rudolf Steiners:
Martina Maria Sam: Rudolf Steiner. Kindheit und Jugend 1861-1884, Dornach 2018. Besprechung hier.

David Nash: Verwandlung mit dem Holz

Eine Ausstellung in Bad Homburg, in den Jakobshallen der Galerie Scheffel, Dorotheenstraße 5
Bis 26. Januar 2019. Öffnungszeiten: Mi-Fr 14-19 Uhr, Sa 11-15 Uhr
Die Galerie bleibt vom 27.12.2018 bis zum 14.01.2019 geschlossen.

»Jene Lebenskräfte, die das Wesen der Substanz Holz bilden, besitzen eine Art Ur-Intelligenz, die mich im tiefsten Inneren berührt hat und die mit meinem ganzen Denken und Fühlen verschmolzen ist. Aus dieser Verbindung, so scheint es, entstand ein Weg für einen unverbrüchlichen Grundgedanken – eine Art Lernen. Er führt zu Ideen, Handlungen, Fragen. Jede Frage eröffnet eine neue Schicht von Bewusst-Sein, jede Handlung ist ein Schritt, der einen Gedanken auf Umsetzbarkeit prüft.« – David Nash, 2003

Holz. Behauenes Holz. Gehöhltes Holz. Eingeschnittenes Holz. Durchbrochenes Holz. Verkohltes Holz. In Bronze gegossenes Holz …

Ort des Begegnung: Die Jakobshallen der Galerie Scheffel, mit der David Nash schon seit zwanzig Jahren zusammenarbeitet. Im großen, gewölbten Hauptraum – einem 300 Jahre alten ursprünglichen Kirchenraum, der die letzten 100 Jahre als Turnhalle genutzt wurde – entsteht durch die Anordnung der Werke eine regelrechte Installation: Im Hintergrund wacht ein hoch aufragendes, schwarzes Königspaar – ›King and Queen‹. Rechter Hand lagert der zerfurchte riesige ›Black Budd‹. Links ein ebenfalls in schwarze Bronze gegossener Doppelstamm: ›Ladle and Spoon‹, den man auch als aufeinander sitzendes keckes Paar anschauen kann. Dazwischen treiben drei grau verwitterte Eichenholzteile wie Schiffe in der Strömung. Die vordere Mitte des Raumes wird von zwei schlank-pyramidalen Säulen aus hellem Holz flankiert. Die linke Säule (Linde) durch Schnitte horizontal gegliedert, als ob mehr oder weniger verzogene quadratische Bretter aufeinandergestapelt sind. Die rechte Säule (Buche) wie aus vertikal zusammengesetzten Schindeln oder Schuppen gebildet. Vorne in der Mitte »taumelt« ein mächtiger Kubus aus verkohltem Sequoia-Holz. Auf den ersten Blick etwas unscheinbar, zieht mich der ausgehöhlte und verkohlte rundliche Eichenstumpf in der vorderen rechten Ecke in seinen Bann. Hoch an der Wand stehen drei kleine Kreuze wie menschlich Gestalten auf einem Querbalken, einen Eigenraum wie eine Art Altarnische um sich bildend. Als Gegenstück dazu steht aufrecht an der linken Wand, durch vertikale und horizontale Schnitte gesetzmäßig gegliedert, ein ›Charred Panel‹, wie die drei Kreuze aus verkohlter Eiche. Nicht zu vergessen die beiden hell-hölzernen käferartigen ›Clams‹, die zwischen den meist dunklen Gestalten ihr Wesen treiben. Ebenfalls wie aus einem Dazwischen leuchten drei Pastelle in den Farben des Eichenlaubes im Wechsel der Jahreszeiten – von Dunkelgrün bis Orange – in den Raum hinein. Ich bewege mich in ihm wie zwischen elementarischen Wesen, die freundlich oder streng, mächtig oder majestätisch, keck oder innig-zurückhaltend die verschiedensten Seiten und Schichten meiner Seele berühren, denen gegenüber ich mich auch leiblich positionieren muss und die meinen Geist auf vielfältige Weise beleben.

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Paul Klee zu Gast bei Max Liebermann

Innere und äußere Gärten:
Paul Klee zu Gast in Max Liebermanns Villa am Wannsee in Berlin, bis zum 17. September 2018

Stephan Stockmar

Auch wenn Klee sich durch reale Gärten vielfach hat anregen lassen – schon als Kind hat er einen »Quadratmetergarten« bepflanzt – sobildet doch die Kunst selbstseine eigentliche Gärtnerei.Der Garten war für ihn nie nur ein äußerer Ort, den er (ab)malte, sondern immer auch ein Ort innerer Entwicklung und der Verarbeitung dessen, was er erlebt hat. Nach der Rückkehr von seiner Italienreise 1901/02 – »überfressen, ich Nimmersatt« – verbrachte er viel Zeit im elterlichen Garten in Bern – im »Verdauungsschlaf«. »Dann das Erwachen – fürchterlich vielleicht, die Umkehrung des Weges, statt hinein in mich: heraus von mir!«

Nun ist Paul Klee mit einer kleinen, aber feinen Auswahl seiner zahlreichen Gartenbilder in Max Liebermanns Villa am Berliner Wannsee zu Gast, der seinerseits ein passionierter Gartenmaler war. Daraus ergibt sich eine spannende Gegenüberstellung. Während Klee sich um die »Synthese von äußerem Sehen und innerem Schauen« (1923) bemühte, ging es Liebermann vor allem darum, »dem Beschauer den Eindruck von Natur [zu] suggerieren« (1916), wobei seine Bilder durchaus ein ganz individuelles Naturerleben zeigen und ermöglichen.

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Bacon und Giacometti

Aus der Kraft des Scheiterns: Auf der Suche nach einem neuen Menschenbild
Eine Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen/Basel, bis 2. September 2018

Stephan Stockmar

Im Winter 2016/17 war in Frankfurt die Ausstellung »Giacometti – Nauman« zu sehen, in der auf produktive Weise zwei Künstler miteinander konfrontiert wurden, die sich nie begegnet sind und sich auch nicht aufeinander bezogen haben.1Das ist bei Francis Bacon (1909-1992) und Alberto Giacometti (1901-1966), die gerade zusammen in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel gezeigt werden, anders: Sie sind sich spätestens 1962 in London, anlässlich Bacons Ausstellung in der Tate Gallery, näher gekommen, und 1965, als Giacomettis dort ausstellte, wurde diese Begegnung vertieft. Ernst Beyeler war mit beiden bekannt, hat als Galerist viele ihrer Werke vermittelt, und auch in seiner eigenen Sammlung sind beide Künstler prominent vertreten.

Auch die gegenwärtige Gegenüberstellung ist in beide Richtungen sehr erhellend, verkörpern beide Künstler doch, wenn auch auf sehr verschiedene Weise, grundlegende Aspekte des Menschseins in ihrem Leben und Werk, getrieben von einer grenzgängerischen Obsessivität. Währenddessen ist Bruce Nauman ganz in der Nähe anwesend – mit der großen Retrospektive im Münchensteiner Schaulager (bis 26.8.2018).

Im Eingangsbereich zur Ausstellung empfangen den Besucher großformatig ausdrucksstarke Fotos von Graham Keens aus dem Jahr 1965, die die Künstler miteinander im Gespräch zeigen: Giacometti gleicht mit seinem hageren, scharf geschnittenen Profil durchaus manchen der plastischen Köpfe, wie er sie vor allem von seinem Bruder Diego modelliert hat. Und auch Bacons dagegen kindlich-voll wirkende Gesicht scheint dessen Bildern entstiegen zu sein. Beide wirken auf ihre Weise irgendwie zeitlos – ewig alt und ewig jung zugleich.

Beider Werk dreht sich um die menschliche Gestalt und das menschliche Antlitz – was in der Nachkriegszeit, unter dem Einfluss vor allem des abstrakten Expressionismus, keineswegs selbstverständlich war. Giacomettis Gestalten sitzen, stehen oder schreiten, während Bacons voluminöse Figuren oft auch liegen. Dabei verbindet sie ein Modell: Giacometti lernte die englische Künstlerin Isabel Nicholas (später Rawsthorne) 1935 kennen und formte nach ihr 1937/38 zwei plastische Köpfe und einige Porträtzeichnungen. Für Bacon wird sie in den 60er und 70er Jahren zu einer seiner engsten Freundinnen, die er mehrfach porträtiert. Sie ist es wohl auch, die die beiden näher zusammengebracht hat. Darüber hinaus gibt es weitere Persönlichkeiten, die mit beiden sehr verbunden waren.

Und in beider Leben spielt der Tod eine existentielle Rolle: Während Giacometti der Tod schon in jungen Jahren quasi leibhaftig begegnet ist – er hat dieses prägende Erlebnis 1946 in dem Schlüsseltext »Der Traum, das Sphinx und der Tod von T.«eindrucksvoll beschrieben –, ist Bacon, der zeit seines Lebens an chronischem Asthma litt,mit dem Tod zweier seiner Lebensgefährten konfrontiert. Den Suizid von George Deyer hat er u.a. in dem in der Ausstellung gezeigten Triptychon »In Memory of George Deyer« (1971) verarbeitet.

So unterschiedlich ihre Auffassung vom menschlichen Leib auch ist, so ist sie bei jedemvon diesen Grenzerfahrungen geprägt. Ja, aus beider Werken scheint ein ewiges Scheitern zu sprechen, eineArt Todessehnsucht, die sich auch in ihrerobsessiven Art und Weise zu leben, zu liebenund zu arbeiten zeigt, immerschonungslos gegen sich selbst.In nächtlichen Gesprächen haben sie sich über ihre künstlerische Praxis und Überzeugungen ausgetauscht, während »Bacon unmäßig viel trank und Giacometti unmäßig viel rauchte«.2

Doch während der LebemannBacon ganz auf Spontaneität setzte und – meist von Fotos ausgehend – seine Leiber willkürlich erscheinenden Metamorphosen unterzog, war Giacometti ein ausdauernder Zeichner noch im plastischen Arbeiten, getrieben von der Suche nach Wahrheit, die ihn das konkret in endlosen Sitzungen vor ihm sitzende Modell machmal vergessen ließ. Bacons Bilder sind oft von einer grellen Farbigkeit, während Giacometti die Grauvariationen meisterlich beherrschte.

DieGestaltenvon Bacon wirken auf mich so, als wennsich in ihnen die Seele durch den sie dominierenden Leibesrumpf kämpft, dem sie sich, ihn dabei verdrehend und verzerrend, zu entwinden sucht. Dabei blitzt in den Augen immer wieder eine Wachheit auf, die das Tier im Menschen zu durchschauen scheint und den Leib zum sich verselbständigenden Doppelgänger werden lässt. – In Giacomettis Werken, so mein Eindruck,verliert der Leib durch die ihn buchstäblich tief prägende Formungvon außen zunehmend seine Innerlichkeit und gerinntdabei zum Konzentrationspunkt einer den Leib umschließenden unsichtbaren, aber raumwirksamen Aura. Was in die äußere Erscheinung tritt, scheint im Wesentlichen Kopf zu sein, so klein dieser manchmal auch auf den überlängten Rümpfensitzt.

Trotz dieser Gegensätzlichkeiten finden sich auch auffallende Übereinstimmungen:Beide(insbesondere aber Giacometti)ursprünglich demSurrealismus verpflichtetenKünstler binden ihre Figuren immer wieder in käfigartige Strukturen ein, wobei Bacon diesen Kunstgriff offenbar von Giacometti übernommen hat.Zwarsprengt bei ihmgelegentlich die Form diesen Rahmen, doch der Schrei z.B.der von Velázquez entlehnten Papst-Figur scheint mirnicht über diesen herauszudringen. Für Giacomettis Figuren dient der Rahmen dagegenals Mittel zur Konzentration, die wie in einer Gegenbewegung den umgebenden Raum erfahrbar werden lässt. Nicht nur die langeNase durchstößt demonstrativ den Käfig, sondern auch der Blick der durch zigfache Überzeichnungunkenntlich gewordenen Augen der von im Porträtierten richtet sich in unbestimmte Weiten.

Sowerden zwei unterschiedliche Formen von Stille erfahrbar, die die beiden Schwellen des Lebens berühren.Und zurTodessehnsucht gesellt sichstets auch ein Geburtsschmerz. In der Zusammenschau beider Werke wird ein Drittes erahnbar: Der neue Mensch.

Der aufschlussreiche Katalog kostet in der Ausstellung CHF 62,50, im deutschen Buchhandel EUR 58,00.

1  Vgl. Stephan Stockmar: »Eine Plastik ist kein Objekt, sie ist eine Fragestellung« Alberto Giacometti und Bruce Nauman. Zur Produktivität eine Konfrontation in der Frankfurter Schirn, in: die Drei, 12/2016.
2. Michael Peppiatt: Francis Bacon und Alberto Giacometti: Parallele Sichtweisen einer schrecklichen Wahrheit, im Katalog zur Ausstellung Bacon – Giacometti, S. 168–175

Zitat des Monats Juni

»Der Granatapfel,
Darin wir saßen,
Schimmernde Kerne:
Er barst. – Des Öffnens Spalt
In der roten Wange
War vielen ein lächelnder Mund …
Wir aber spürten die Wunde
Der herbstlichen Zeit,
Eh noch der Apfel, gewachsen nach seinem Gesetz,
Fiel
Und rollte
Und uns verlor.
[…]«

Stefan Andres, aus der Ode »Der Granatapfel« (1950), in: Stefan Andres: Der Granatapfel. Oden – Gedichte – Sonette,München 1950, S. 114ff.
Vgl. meinen Artikel: »Worte sind reife Granatäpfel«. Der Granatapfel in der neueren Literatur

Zitat des Monats Dezember 2017

»Es ist mir wichtig zu zeigen, dass jedes Individuum, auch wenn es über gefährliche Macht verfügt und gewalttätig, kaltherzig und hasserfüllt ist, ein Wesen ist, in dessen Innerstem wir etwas bewundern können. … Es liegt in der direkten Verantwortung des Menschen dem Menschen gegenüber … Erst in höchster Angst und Bedrängnis muss sie sich bewähren, dann, wenn das Menschsein gefährdet und gefährlich ist. … Meine Leser sollten nie vergessen, dass ich über Zeiten schreibe, in denen es für den Einzelnen gefährlich ist, menschlich zu bleiben. Darum wollte ich in meinen Werken auch seine Verletzbarkeit inmitten von Krieg und Katastrophen respektieren. Ich habe versucht zu zeigen, dass inmitten all der Gewalttätigkeit ein Kern bleibt, der bewundernswert ist. … Meine Werke … sind ein Versuch, zu jenem Kern vorzudringen, der in uns steckte, bevor Politik und Religion ihn verschüttet oder entstellt haben. Ich sehe das als einen Weg der Rettung.«

Bachtyar Ali in seiner Dankesrede zur Verleihung des Nelly Sachs Preises der Stadt Dortmund am 10. Dezember 2017.

In Bachtyar Alis kürzlich auf Deutsch erschienenem Roman »Die Stadt der Weißen Musiker« unterhalten sich ein im Exil lebender kurdischer Autor und ein im Irak als »Quaqnas« (Phönix) lebender kurdischer Musiker, der im Zuge der grausamen Kriege und Auseinandersetzungen dort mehrfach an der Schwelle des Todes gestanden hat, über die Heimatlosigkeit:

»… Als ich ihn an jenem Abend im Hotel traf, merkte ich, dass er Heimatlosigkeit als eine Art Glück erlebte, als ein Spiel mit den Dingen. Heimatlosigkeit stiftet Frieden zwischen dem Menschen und seinem Leben, zwischen Gefühl und Realität. ›Allein die Heimatlosen begreifen das Leben‹, sagte er einmal.
Das leuchtete mir ein, aber als er sagte, nur die Heimatlosen seien mit der Welt im Einklang, stutzte ich. ›Das verstehe ich nicht. Wie sollen die Heimatlosen in Einklang mit der Welt sein? Heimatlosigkeit besteht aus Zwietracht.‹
›Haben Sie je die Ketten eines Menschenwesens gesprengt? Ali Sharafiar, ich habe viele Ketten gesprengt, sogar meine eigenen. 
Heimatlosigkeit heißt, dass der Mensch die eigenen Ketten zersprengt und fortgeht.‹«

Aus: Bachtyar Ali: Die Stadt der weißen Musiker. Roman. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Peschawa Fatah und Hans-Ulrich Müller-Schwefe, Zürich 2017 (Unionsverlag), S. 226f

Besprechung lesen.

 

Siehe auch »Der Letzte Granatapfel« von Bachtyar Ali.