Zitat des Monats

Zitat des Monats – Oktober 2022

»Wie kann jedermann, d.h. jeder lebende Mensch auf der Erde, ein Gestalter, ein Plastiker, ein Former am sozialen Organismus werden? Dann ist man aber auch an einer Stufe von Kunstentwicklung angelangt, die viel spiritueller ist als jede Kunstentwicklung zuvor. Man arbeitet dann in einem wirklich lebendigen Material, während der Bildhauer […] in einem festen Material oder einem mehr flexiblen Material arbeitet. […].

Der materielle Prozess ist immer ein späterer, d.h. es gibt erst mal das Evolutionsprinzip, das ja offen und beweglich ist, und dann vermaterialisiert es sich. […] Inwieweit ein zukünftiger planetarischer Zustand andere Konditionen von Materie aufweist, darüber will ich gar nicht vorgreifen. Aber, um dahin zu kommen, braucht es erst einmal wieder die allgemeine, offene, lebendige, fließende Substanz, die am besten dadurch charakterisiert wird – das ergibt sich auch ganz logisch aus dem Kunstbegriff selbst –, daß sie Wärmecharakter hat, aber natürlich keine physische Wärme, also keine physikalische Wärme wie Ofenwärme, sondern soziale Wärme. Es ist wohl haargenau dasselbe, was die eigentliche Liebessubstanz ist. Sie hat sakramentalen Charakter. Aber es ist eine Substanz […], eine reale Substanz. Es ist also eine höhere Form von Wärme, es ist eine evolutionäre Wärme, wie ich diese Wärme nenne. Das andere ist eben die in Materiegesetzmäßigkeiten verkörperte Wärme, an materielle Prozesse gebundene Wärme. […]

Es bleibt im Grunde dabei, daß es sehr wichtig ist, diesen Kunstbegriff zu entwickeln, wo jeder lebende Mensch ein Gestalter einer lebendigen Substanz werden kann. Das ist der soziale Organismus.«

Joseph Beuys zu Rainer Rappmann am 7.4.1974, in in Harlan, Rappmann, Schata: Soziale Plastik, Wangen/Allgäu 1984, S. 20.

Äußerungen von Beuys über den Krieg

Hier ein Bericht vom Beuys-Symposion am Goetheanum im Mai 2022. Weitere Beiträge zu Beuys hier.

Neuerscheinung – siehe hier.

 

Ausstellungshinweise

Normannen in Mannheim – im Zeichen des Michael

Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen zeigen bis zum 26. Februar 2023 in einer großen, reich bestückten Ausstellung die mit den Normannen verbundene Kulturentwicklung Europas über rund 400 Jahre hinweg – von den oft brutalen Überfallen der Wikinger auf Klöster in England Ende des 8. Jahrhunderts bis hin zum christlichen Gottesgnadentum des wissenschaftsaffinen Staufer-Kaisers Friedrich II (1194-1250) mit seinem Königreich in Sizilien.

In sieben Kapiteln wird eine »Geschichte von Mobilität, Eroberung und Innovation« dokumentiert, die ganz Europa umfasst: vom Ausgangspunkt der »Nordmänner« in Skandinavien über die Gründung des Kiewer Rus im Osten, ihre Etablierung in der Normandie bis zur Eroberung Eroberung Englands. Dann führten ihre Wege weiter auf die iberische Halbinsel, nach Süditalien und Sizilien, in die Auseinandersetzung mit Byzanz und mittels Kreuzzüge ins Heilige Land. Schließlich wurde Antiochia zum normannischen Prinzipiat, und auch in Nordafrika versuchten die Normannen Fuß zufassen.

Aus allen Phasen und Regionen sind hervorragende Stücke zu sehen – Stelen, Urkunden, kostbare illustrierte Handschriften, Bildtafeln, Kleinkunst, Schmuck, Waffen und Alltagsgegenstände, so dass die Ausstellung vielfältige Einblick in die Lebenswelt der Normannen und somit in das Denken, die Gefühlswelt und das Handeln eines wichtigen Abschnittes des europäischen Mittelelters ermöglicht.

Das Michael-Heiligtum vom Monte Gragano

Dabei spielt der Erzengel Michael eine nicht unbedeutende Rolle und ist auch in herausragenden Stücken in der Ausstellung präsent: Allen voran die Michael-Ikone vom Monte Gargano (vergoldetes Kupfer, 11. Jahrhundert oder früher).

Auch eine katalonische Altartafel aus dem 13. Jahrhundert mit Erzengeln bezieht sich in einem Bildfeld auf die Ereignisse am Monte Gargano – auf die Gründungs-Legende des dortigen Heiligtums: Dem Bauern Gargano war ein Stier entlaufen, den er dann an einem Höhleneingang im heutigen Gargano-Gebirge sichtete. Als er ihn aus Ärger erschießen wollte, flog der Pfeil auf ihn zurück und traf ihm ins Auge. Als er dieses Wunder dem Bischof erzählte, hatte dieser die Vision, dass sich der Erzengel Michael diese Höhle – wo vermutlich früher Mithraskulte abgehalten worden waren; darauf deutet der Stier – zur Wohnstätte erkoren hatte. So entstand das Michael-Heiligtum auf dem Monte Gargano als eine der bedeutendsten Pilgerstätten des Mittelalters.

Die Komposition dieser Altartafel mit Bildfeldern ist eindrücklich: Über dem Seelen wägenden Michael die von Raphael und Gabriel in Empfang genommene reine Seele, die jetzt selbst den Mittelpunkt einer Art Waage bildet. Und dann die »Selbstrichtung« des Gargano unter Michael mit dem Drachen.

Oben: Erzengel Michaels, Vergoldetes Kupfer, 11. Jh.. Santuario di San Michele Arcangelo, Musei Tecum – Museo devozionale., © Proprietà della Basilica – Santuario di San Michele, Monte Sant’Angelo

Unten: Altartafel mit Darstellung von Erzengeln und der Gargano-Legende , 2. Viertel 13. Jh.. Barcelona, Museu Nacional d’Art de Catalunya © Museu Nacional d’Art de Catalunya, Barcelona

Die Normannen. Eine Geschichte von Mobilität, Eroberung und Innovation, Reiss-Engelhorn Museen Mannheim(Zeughaus), bis 26. Februar 2023

Veranstaltungen

Bücherhinweis

»… als Steiner seine Schwingen zu entfalten begann«

Martina Maria Sam: ›Rudolf Steiner. Die Wiener Jahre 1884-1890‹, Verlag am Goetheanun, Dornach 2021, 536 Seiten, mit vielen Abb., 50 EUR

In Fortsetzung ihrer 2018 erschienenen dokumentarischen Biografie über Rudolf Steiners Kindheit und Jugend hat Martina Maria Sam, Eurythmistin, promovierte Geisteswissenschaftlerin, Vortragende und Publizistin sowie Herausgeberin im Rudolf Steiner Archiv, nun einen Band über Steiners Wiener Jahre nach Abschluss seiner Studienzeit vorgelegt. Dies war eine Zeit der Auseinandersetzung mit den vielfältigen zeitgenössischen Geistesströmungen und des Suchens nach der eigenen Lebensaufgabe, wobei die Beschäftigung mit Goethe sich wie ein roter Faden hindurch zieht – von der Herausgabe dessen naturwissenschaftlicher Schriften über die Ausarbeitung einer eigenen »Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung« bis hin zur Entdeckung des esoterischen Goethes in dessen Märchen Ende der 1880er Jahre.

Martina Maria Sam geht all diese Begegnungen und Themen ausführlich nach, sie so weitgehend wie möglich durch Briefe und Dokumente, Rezensionen, Erinnerungen der Beteiligten und biografische Angaben zu den einzelnen Persönlichkeiten dokumentierend.

Die ganze Besprechung finden Sie hier, die Besprechung des ersten Bandes hier.

Das Jahr 1977 und die Gegenwart

Philipp Sarasin: 1977. Eine kurze Geschichte der Gegenwart, Suhrkamp Verlag, Berlin 2021, 502 Seiten, 32 EUR

1977? War da was besonderes? Vielleicht irgend etwas mit der RAF? – Viel mehr ist mir auf Anhieb gar nicht eingefallen. Ja doch, natürlich: die Charta 77 (wie schon der Name sagt). Und weiter ? – Es ist schon erstaunlich, was Philipp Sarasin alles in dieses Jahr verorten kann. Beim Lesen erinnerte ich mich dann bei einigem wieder: Ja genau, stimmt! Doch vieles war mir gar nicht (mehr) bewusst.

»Nur dass die allgemeine ›Stimmung‹ gedrückt war, passte ganz gut zu meiner jugendlichen Orientierungslosigkeit« (S. 7). So beschreibt der Autor seinen eigenen Bewusstseinszustand als Einundzwanzigjähriger im Jahr 1977. Dies trifft vermutlich für viele Menschen seiner und damit auch meiner Generation zu. Wohlbehütet aufgewachsen im Zeitalter des deutschen Wirtschaftswunders, drang die eigentliche Dramatik dieses Jahres damals nur sehr fragmentarisch in mein Bewusstsein. Erst jetzt, wo ich Sarasins Buch lese, wird mir deutlich, wie entscheidend dieses Jahr und das 1970er-Jahrzehnt für die gegenwärtige Weltsituation ist. Insofern lautet der Untertitel zurecht ›Eine kurze Geschichte der Gegenwart‹.

Die ganze Besprechung finden Sie hier.