Zitat des Monats September

»Im Mittelpunkt dieses Plateaus wächst ein kleiner Granatapfelbaum. Saryasi sieht ihn als Erster. ›Großer Gott, schaut mal dort. Ob man es glaubt oder nicht, das kann nur der Welt letzter Granatapfelbaum sein. Kein anderer Granatapfelbaum wächst so hoch und so abgelegen am Ende der Welt.‹ Ja, das ist der letzte Granatapfelbaum, auf einer Bergspitze, wo unsere Welt endet und die Regionen Gottes beginnen. Ein Ort, der ein seltsam grenzenloses Gefühl von Abschluss und Neubeginn in einem hervorruft. Dieser Granatapfelbaum ist auf dem Boden zweier Königreiche gewachsen: dem Reich der Realität und dem reich der Träume.
Drei Kinder sind vor diesem elenden Tag geflohen. Sie haben einen Berg erklommen, der in eine andere Welt führt.«

Aus: Bachtyar Ali: Der letzte Granatapfel. Roman. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim, Unionsverlag Zürich 2016, TB 2017; 347 Seiten

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Zitat des Monats Juni

»Dein Hansen weilt am Meer, mit Luft u. Wasser verwachsen. – Ich liege dauernd am Abhang jener Düne u. Sand lagert sich über mich. In der einen Tasche wohnt eine alte Kröte u. wilde Bienen sammeln Honig in meinen Hut. Hände und Finger schlagen Wurzeln tief unten im Sande, die Zehen sind bereits doppelt so lang geworden u. werden bald emporwachsen zu großen Bäumen, welche dann in einer seltenen Farbe blühen. Wenn dann der Seewind die Blütenblätter zerstreut, entsteht eine seltsame Frucht, die jeder bewundert, aber niemand anzurühren sich traut.«

Aus: Brief von Emil Nolde an Hans Fehr, 23.8.1901

»Der bildende Künstler lebt mittels seiner Augen, er sieht und schaut mit unerbittlicher Schärfe in und durch die Natur hindurch, um dann, mit seinem eigenen Wesen vermischt, danach zu gestalten, sei es Naturhaftes oder Weltfernes, sei es Göttliches oder Menschliches – selbst das rein Phantastische irgendwie ist auch naturverbunden. Das Schönste im Leben fesselt ihn und auch das grausig Unheimliche.«

Aus: Emil Nolde: Das eigene Leben Bd. 3: Welt und Heimat. Die Südseereise, Köln 2002, S. 147

Beide Zitate sind dem Katalog Emil Nolde. Die Grotesken (Berlin 2017) entnommen. Die gleichnamige Ausstellung ist bis zum 8. Juli im Museum Wiesbaden zu sehen, vom 23. Juli-15. Oktober im Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See.

Zitat des Monats April

»Die Fähigkeit, alles aus dem Blickwinkel eines anderen Menschen zu fühlen, wird im ungepanzerten Leben erworben. Wer kann so etwas? Das kann nur jemand, der die Welt wie einen Apfel aufgegessen hat und am Kap Finisterre war, am Ende der Erde, am Abgrund der Welt. Das Problem der meisten Menschen ist nicht die Tiefe des Schlundes oder die Kargheit der Felsen. Die Schwierigkeit hat mit etwas sehr viel Kleinerem zu tun: mit dem Apfelaufessen. So ist es schon immer gewesen. Dabei hat das Denken mit einem Apfel angefangen. Es ist ihnen unmöglich, Kern und Stengel, alles, einfach alles aufzuessen. Vermeidungen sind der Beginn von Krankheiten. Das ist das Grundproblem aller Grundprobleme.«

Marica Bodrožić, aus: Das Wasser unserer Träume, München 2016, S. 96.

Eine Besprechung dieses Buches finden Sie hier: Erwachen in ein neues Leben, in: die Drei 4/2017, S. 83

Zitat des Monats März

»Die große Frage: Denke ich das, was ich in meinen analysierenden Texten denke, wirklich? Das Denken ist, wenn es analysiert, wie Autoscooter: Man setzt sich hinein und der Wagen fährt einen, man lenkt in die eine oder die andere Richtung, stößt mit anderen zusammen, doch mit dem Klingelton erreicht die Fahrt ihr Ende, bei der deine Schuld nur darin besteht, dass du in den Wagen eingestiegen bist.«

Imre Kertész, aus: Der Betrachter. Aufzeichnungen 1991-2001, Reinbeck bei Hamburg 2016, S. 153