Zitat des Monats April

»Die Fähigkeit, alles aus dem Blickwinkel eines anderen Menschen zu fühlen, wird im ungepanzerten Leben erworben. Wer kann so etwas? Das kann nur jemand, der die Welt wie einen Apfel aufgegessen hat und am Kap Finisterre war, am Ende der Erde, am Abgrund der Welt. Das Problem der meisten Menschen ist nicht die Tiefe des Schlundes oder die Kargheit der Felsen. Die Schwierigkeit hat mit etwas sehr viel Kleinerem zu tun: mit dem Apfelaufessen. So ist es schon immer gewesen. Dabei hat das Denken mit einem Apfel angefangen. Es ist ihnen unmöglich, Kern und Stengel, alles, einfach alles aufzuessen. Vermeidungen sind der Beginn von Krankheiten. Das ist das Grundproblem aller Grundprobleme.«

Marica Bodrožić, aus: Das Wasser unserer Träume, München 2016, S. 96.

Eine Besprechung dieses Buches finden Sie hier: Erwachen in ein neues Leben, in: die Drei 4/2017, S. 83

Zitat des Monats März

»Die große Frage: Denke ich das, was ich in meinen analysierenden Texten denke, wirklich? Das Denken ist, wenn es analysiert, wie Autoscooter: Man setzt sich hinein und der Wagen fährt einen, man lenkt in die eine oder die andere Richtung, stößt mit anderen zusammen, doch mit dem Klingelton erreicht die Fahrt ihr Ende, bei der deine Schuld nur darin besteht, dass du in den Wagen eingestiegen bist.«

Imre Kertész, aus: Der Betrachter. Aufzeichnungen 1991-2001, Reinbeck bei Hamburg 2016, S. 153