Zitat des Monats – Juni 2021

»[…] weil ich meinte, dass diese Dinge, die das Weltall verändern, in unser Bewusstsein gehören, dass man sie hervorheben müsse, denn unterhalb dieses Anspruchs kann man gar nicht bleiben. Aber wenn man so etwas will, dann muss man natürlich auch dafür sorgen, dass diese Dinge leben und wirklich etwas von ihnen ausstrahlt. Man darf sich nicht im geringsten auf formale und stilistische Kriterien einlassen, sondern nur auf das Lebensprinzip der Sache als lebendigem Stoff.
Wenn es nicht in den lebendigen Stoff geht, zerstört sich das Ding selbst.
[…]
Ich will damit nur sagen, dass dieses selbstverändernde Prinzip als Ingredienz, als Stoff, man kann auch sagen als dynamische Medizin, für mich entscheidend gewesen ist.

Joseph Beuys 1979«

Der handschriftliche Text beginnt mit einem Hinweis auf James Joyce: »Ja, es gibt eine Parallelität, und ich habe mich auf Joyce bezogen […]« (es folgt obiger Text). Er wurde 1984 als Multiple ›James Joyce‹ vervielfältigt.

Hinweise auf Ausstellungen anlässlich des 100. Geburtstages von Joseph Beuys am 12. Mai 2021 finden Sie hier:

Nordrhein-Westfalen (verschiedene Orte)
Berlin, Hamburger Bahnhof
Darmstadt, Hessisches Landesmuseum

Besprechung des Buches von Volker Harlan: Mit Beuys Evolution denken, München 2020
Hier ein Artikel zum »Kraftwerk Block Beuys«

Die Museen öffnen wieder! Im Museum Wiesbaden ist die Ausstellung

August Macke: Paradies! Paradies?

die 3 Tage nach der Eröffnung Ende Oktober wieder geschlossen werden musste, nun noch bis zum 9. Mai 2021 zu sehen. Mackes Bilder wirken einfach wohltuend auf das gerade so strapazierte Gemüt.

»[B]ei mir ist das Arbeiten ein Durchfreuen der Natur, der Sonnenglut und der Bäume, Sträucher, Menschen, Tiere, Blumen und Töpfe, Tische und Stühle, Berge, Wasser beschienenen Werdens.« – Brief von August Macke an Hans Thuar vom 7. März 1910

Hier meine Besprechung der Ausstellung.

https://museum-wiesbaden.de/de/august-macke

 

»Im Spannungsfeld von Weltenkräften«

Ein neues Buch zum Motiv des Menschheitsrepräsentanten im künstlerischen Werk Rudolf Steiners

Mirela Faldey und David Hornemann v. Laer (Hg.): ›Im Spannungsfeld von Weltenkräften. Der Menschheitsrepräsentant in Rudolf Steiners Skulptur, Malerei und Glasradierung‹, Verlag am Goetheanum, Dornach 2020, 536 Seiten, mit zahlreichen z.T. farbigen Abbildungen, 78 EUR.

Es geht in dem von Mirela Falday und David Hornemann v. Laer herausgegebenen monumentalem Band um Rudolf Steiners künstlerische Darstellungen des »Menschheitsrepräsentanten« zwischen den antagonistisch wirkenden Wesen Luzifer und Ahriman. Dieses sogenannte »Mittelmotiv« hat er in dreifacher Form für den ersten Goetheanumbau in Dornach entworfen. Es wurde teilweise von ihm selbst, teilweise unter seiner Anleitung bzw. nach seinen Entwürfen ausgeführt: als neun Meter hohe Holzskulptur, die im Osten des kleinen Kuppelraumes hätte stehen sollen, als Malerei in der Kuppelwölbung direkt über diesem Standort und als Glasradierung im rosafarbenen Fenster der Nordseite des großen Kuppelraumes. Die nicht ganz vollendete Skulptur ist erhalten geblieben, weil sie zum Zeitpunkte des Brandes des aus Holz errichteten ersten Goetheanum in der Neujahrsnacht 1922/23 noch im Atelier stand. Die Malerei ist nur in Form von Fotos überliefert. Auch das dreiteilige Glasfenster wurde zerstört, doch nach den von Steiner entworfenen Motiven wurden für das zweite Goetheanum neue Fenster geschaffen, in der Form angepasst an die Gestaltung des Betonbaues.

Die Besprechung finden Sie hier

Zu dem Motiv des Menschheitsrepräsentanten  –Der Mensch zwischen Luzifer und Ahriman – hier

Marica Bodrožić: Pantherzeit

»Es ist jetzt die Zeit, in der alles neu wird und neu werden muss. Und ich, mein Körper und mein Denken bilden keine Ausnahme. Bevor etwas neu wird, muss das Alte in seiner Radikalität und Dunkelheit aufscheinen, es muss sich als Schatten zeigen. Wir werden Kraft brauchen, um das zu verstehen, was wir an Abgründigkeiten der Welt gegeben haben. Wir Menschen. Wir. Alle zusammen. Und jeder für sich. Ich weiß, dass der Schatten an mir schon Gefallen gefunden hat. Er wird nicht weichen. Er weiß, dass ich es jetzt weiß. Mein Unwissen kann mich nicht mehr vor seiner Beharrlichkeit schützen.«

Marica Bodrožić, aus: ›Pantherzeit. Vom Innenmaß der Dinge‹, Otto Müller Verlag Salzburg, 2021, S. 86; vgl. https://marica-bodrozic.de und https://www.omvs.at/buch/pantherzeit/

Das Buch ›Pantherzeit‹ von Marica Bodrožić zeugt von einem immerwährenden Selbst- und Weltgespräch, das in Zeiten der Pandemie an existenzieller Intensität gewinnt. Entstanden während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020, ist es gerade jetzt, während des nun schon lange  anhaltenden erneuten Lockdowns, besonders hilfreich, um den  immer größeren Herausforderung von innen her zu begegnen, vor die der Einzelne wie die Gesellschaft gestellt ist. Eine ausführliche Besprechung findet sich hier.

Wie das gesellschaftliche Corona-Experiment mir zum Selbstexperiment geworden ist, beschreibe ich hier.

 

Stanislaus Stückgold in Kronberg

Bilder für gestirngläubige Seelen

Stanislaus Stückgold in der Galerie Uwe Opper in Kronberg

»Schaffen ist Erlebnis zum Können geworden. Dazu ist zweierlei notwendig. Erstens: Selbstdisziplin. Zweitens: Gnade. Man soll jeden Augenblick bereit sein, sich auszulöschen, um das Wesenhafte der Umwelt aufzunehmen. Man muss aktiv und passiv sein können.« – Stanislaus Stückgold, 1917

Betritt man die Galerie von Uwe Opper in den historischen Räumen der (nie geweihten) Streitkirche in dem Städtchen Kronberg am Taunusrand, so ist der Eindruck überwältigend: An roten Wänden hängen stark farbige, z.T. großformatige Bilder mit menschlichen Figuren, Blumen oder geheimnisvollen Arabesken auf blauem Grund. Sie wirken mit ihren klaren Farben und einfachen Formen monumental und zart zugleich, sind Ausdruck von Sinnlichkeit ebenso wie von Askese, von Sehnsucht wie von Erfüllung, und zeugen von einer tiefen jüdisch-christlichen Religiosität. Wie aus der Zeit gefallen und doch nicht unzeitgemäß.

Wiederkehrende Motive sind eine weißhaarige und großkopfige Mosesgestalt, der Jesusknabe, Mutter/Maria mit Kind, der Gekreuzigte und Paradiesszenen. Dazu kommen ausdrucksstarke Prophetenköpfe, Porträts und Selbstbildnisse sowie – ein besonderes Kapitel im Schaffen des Künstlers Stanislas Stückgold (1868-1933) – die im Wortsinne phantastischen Tierkreisbilder (Pastelle): Arabesken aus Tier- und Menschengestalten, Mischwesen, pflanzlichen Formen, Sonnen, Monden und Sternen, die sich wie Imaginationen aus dem meist tiefblauen Grund herauslösen. Laut Albert Steffen nannte Stückgold Blau die Mutter aller Farben.

Vollständige Besprechung hier

Gemälde und Bilder aus dem Tierkreiszyklus: bis 25.10.2020; Öffnungszeiten: Di-Fr 10-12 und 15-18 Uhr, Sa 11-13 Uhr, So 11-17 Uhr. Galerie Uwe Opper, Tanzhausstr. 1 (Streitkirche), 61476 Kronberg am Taunus, www.galerie-opper.de

Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin« im Museum Wiesbaden

Wie kommt das Geistige in die Kunst?
Zur Ausstellung »Lebensmenschen. Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin« im Museum Wiesbaden

Stephan Stockmar

»Ich liebe alles, was nicht ist, in denen, die um mich sind und in dem, was ich bin und in dem, was ich mit allen meinen Sinnen spüre« – Marianne von Werefkin, 16. Juli 19021

Den Auftakt zur Ausstellung bilden zwei Selbstbildnisse. Das von Marianne von Werefkin (1910) ist im Münchner Lenbachhaus, der ersten Station dieser Ausstellung zuhause, das von Alexej Jawlensky (1912) im Museum Wiesbaden, wo die Ausstellung nun bis zum 12. Juli 2020 zu sehen ist und von wo aus sie auch durch Roman Zieglgänsberger konzipiert wurde.

Beide Bildnisse sind von kräftiger Farbigkeit aus durchaus ähnlichen Paletten. Und beide haben nicht nur den akademischen Naturalismus des 19. Jahrhunderts hinter sich gelassen, sondern repräsentieren bereits vollgültig die gerade sich entwickelnde expressionistische Malweise. Doch damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Marianne von Werefkins ›behüteter‹ Kopf auf gestrecktem Hals schaut den Betrachter aus glühend roten Augen an. Während Alexej von Jawlenskys dunkle Augen in dem runden, fast kahlen Schädel, der mit kurzem dicken Hals dem Rumpf aufsitzt, prüfend auf den gerichtet erscheinen, der gerade malt – auf sich selbst. Er bleibt bei sich und scheint zu sagen »Ich und die Farben sind eins«.

Bei Werefkin sind Gesicht und Hals noch deutlich durch die Licht und Schatten folgende Farbigkeit modelliert. Die Farben auf Jawlenskys Gesicht dagegen bewegen sich frei und verleihen ihm trotz des deutlichen Volumens eine flächige Wirkung. Werefkin zeigt sich als Intellektuelle, die wirken will, Jawlensky als sinnlicher Gemütsmensch.

So kommt gleich zu Beginn die große Unterschiedlichkeit der beiden aus Russland stammenden Künstlerpersönlichkeiten zum Tragen, die über 29 Jahre auf symbiotische und zugleich problematische Art und Weise miteinander verbunden waren und sich auch nach der endgültigen Trennung künstlerisch einander verpflichtet wussten. Die Wiesbadener Ausstellung macht über 15 Räume hinweg ihre künstlerische wie lebensmäßige Verflechtung auf eindrucksvolle Weise anschau- und nachvollziehbar.

›Lebensmenschen. Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin‹. Ausstellung im Museum Wiesbaden bis 12.7.2020, www.museum-wiesbaden.de/lebensmenschen

Die vollständige Besprechung der Ausstellung hier

50 Jahre Kraftwerk Block Beuys in Darmstadt

In Bewegung zwischen Chaos und Ordnung:
50 Jahre Kraftwerk Block Beuys in Darmstadt

Stephan Stockmar

«Bewegte Skulptur kann sich für mich nur in einer Aktion realisieren – in einer Aktion, wo sie durch jene Grundstrukturen eines chaotischen Anfangs, der Bewegung durch die Mitte und endend in der Form erklärt wird. Dies geschieht in einer direkten oder einer noch einmal zurück in das Chaos gewendeten Bewegung, um im nächsten Moment wieder umzukehren.»

Joseph Beuys im Gespräch mit Richard Hamilton, in: Eva, Wenzel und Jessyka Beuys: Joseph Beuys Block Beuys (gekürzte Sonderausgabe), München 1997, S. 8.

Das Hessische Landesmuseum Darmstadt feiert 50 Jahre nach dessen Einrichtung den «Block Beuys» als ein Kraftwerk: Im April 1970 hat der Künstler selbst dort Schlüsselwerke und zahlreiche Objekte aus seinen vielen Aktionen in sieben Räumen inszeniert – als eine Art Wunderkammer in dem vor 200 Jahren begründeten Universalmuseum, das neben kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen auch solche zur Naturgeschichte umfasst. Genau um diesen Kontext geht es Beuys: nicht Kunst um ihrer selbst willen, sondern in Verbindung zum Leben und seiner Geschichte. Naturwissenschaftliche Erkenntnisse sind für ihn ebenso Grundlage seines Schaffens wie spirituellen Erfahrungen an den Grenzen des Lebens.

Kraftwerk Block Beuys, bis 20. September 2020 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, www.hlmd.de.

Die vollständige Besprechung der Ausstellung hier

Zitat des Monats Februar/März 2020

»Ja, man ist Empfänger, aber man produziert das, was man empfängt, selbst aufgrund seiner eigenen kreativen Möglichkeit. Sonst wäre man ja einfach nur eine passive Durchgangsstation. Man schließt sich dem Inhalt, der überall und irgendwo ist, auf. Aber indem man ihn aufschließt, aus eigener Tätigkeit, das heißt aus Freiheit, verwandelt man auch den vorgegebenen Inhalt im Sinne des Menschen. Das heißt der Mensch ist der Schöpfer der Zukunft und kein anderer.«

Joseph Beuys zu Irmeline Lebeer, 1980, zitiert in: Eva Beuys, Wenzel Beuys: Joseph Beuys. Die Eröffnung 1965 … irgend ein Strang … Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt (Nr. IX der Schriftenreihe des Joseph Beuys Medien-Archivs), Berlin 2010, S. 56f.

Vgl. den unten stehenden Ausstellungshinweis »Kraftwerk Block Beuys«, bis 24. Mai 2020 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt

Diese Äußerung von Beuys passt genau auf die gegenwärtige Situation: Passion und Ostern im Zeichen des Corona-Virus. Dazu hier einige Gedanken.

Wie das gesellschaftliche Corona-Experiment mir zum Selbstexperiment geworden ist, beschreibe ich hier

Zitat des Monats Dezember 2019

Aus Liebe zur Handlung

»Nur wenn ich meiner Liebe zu dem Objekt folge, dann bin ich es selbst, der handelt. […] Ich erkenne kein äußeres Prinzip meines Handelns an, weil ich in mir selbst den Grund des Handelns, die Liebe zur Handlung gefunden habe. Ich prüfe nicht verstandesmäßig, ob meine Handlung gut oder böse ist; ich vollziehe sie, weil ich sie liebe. Sie wird ›gut‹, wenn meine in Liebe getauchte Intuition in der rechten Art in dem intuitiv zu erlebenden Weltzusammenhang drinnensteht; »böse«, wenn das nicht der Fall ist. Ich frage mich auch nicht: wie würde ein anderer Mensch in meinem Falle handeln? – sondern ich handle, wie ich, diese besondere Individualität, zu wollen mich veranlasst sehe. Nicht das allgemein Übliche, die allgemeine Sitte, eine allgemein-menschliche Maxime, eine sittliche Norm leitet mich in unmittelbarer Art, sondern meine Liebe zur Tat.«
Rudolf Steiner, ›Die Philosophie der Freiheit‹ (GA 4), Dornach 1995, S. 162.

»Draußen hinter den Ideen von rechtem und falschem Tun liegt ein Acker. Wir treffen uns dort. Das ist die ganze Aufgabe. Aber um sie zu erledigen, bedarf es zweier Voraussetzungen. Erstens man muss sich treffen wollen. Und zweitens muss man den Acker tatsächlich bearbeiten.«
Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, persischer Sufi-Mystiker des 13. Jahrhunderts
(zitiert nach Kofi Annan, ›Brücken in die Zukunft. Ein Manifest für den Dialog der Kulturen‹, Frankfurt a.M. 2001.

Vgl. meine Artikel
Wie kommt Neues in die Welt? Von der Ressourcenverwaltung zur Zukunftsgestaltung – Teil I
Aus Liebe zur Handlung. Von der Ressourcenverwaltung zur Zukunftsgestaltung – Teil II