Zitat des Monats – April 2025

»Wichtig ist vor allem das Bewegungselement. Die Form, wie diese Verkör­perung Christi sich in unserer Zeit vollzieht, ist das Bewegungselement schlecht­hin. Der sich Bewegende. Die rein geistige Gestalt – wenn man mal ein ver­gleichsmäßiges Bild nehmen kann – so eine Gestalt ist da, wie ein Mensch ja auch da ist, wenn er tot ist. Da ist ja sein Leib, der im histori­schen Kontext ge­standen hat, nicht mehr da, aber er ist dennoch da. Wieso ist er da? Das wirft na­türlich ein Licht auf das Wesen des Menschen. […]
Die Bewegung kommt zustande durch eine Provokation, durch eine Ein­weihung, durch eine Initiation zum Zweck der Bewegung. Man ruft etwas hervor, das Bewegungsprinzip selbst. Und hier zeigen sich andere Pole, zeigt sich der Pol des Willens, der Energie; dass man weiß, woher die Bewe­gung ihre Nahrung hat; und es zeigt sich sofort der Formpol, d. h. dass es sich darum handelt, für alle Menschen etwas zu gestalten. Und das ist eine andere Gestalt als die alte. Es ist also das Auferstehungsprinzip: die alte Ge­stalt, die stirbt oder erstarrt ist, in eine lebendige, durchpulste, lebensför­dernde, seelenfordernde, geistfördernde Gestalt umzugestalten. Das ist der erweiterte Kunstbegriff.«

 

Joseph Beuys zu Friedhelm Mennekes am 30. März 1984, in: Friedhelm Mennekes: Joseph Beuys: CHRISTUS DENKEN – THINKING CHRIST, Stuttgart 1996, S. 71/73.

 

Neuerscheinung:

Stephan Stockmar
»Ich bin ein Hase« Die Polarität Männlich-Weiblich als »Generator« im ›Lebenslauf / Werlauf‹ von Joseph Beuys

Die Polarität Männlich-Weiblich durchzieht das ganze Leben und Werk von Joseph Beuys – von einem frühen Gedicht, in dem ein Jüngling und eine Jung­frau miteinander sprechen, über Zeichnungen, auf denen er die Geschlechter auf polare Weise charakterisiert, bis hin zu Skulpturen wie ›Jungfrau‹ und ›Bergkönig‹ und manchen weiteren Arrangements. Doch nicht nur in diesen Werken zeigt sich seine Beschäftigung mit der Grundpolarität des Menschseins seit dem bibli­schen Sündenfall, die in mancher Hinsicht an Jakob Böhmes »männliche Jungfrau« erinnert. Beuys geht noch weitere Schritte in eine existenzielle Ausein­andersetzung: Im Rahmen von Aktionen, die bei ihm nie nur Rollenspiele sind, nimmt er als Mann auch Stellungen ein, wie sie für die gebärende Frau charakte­ristisch sind. Und er identifiziert sich im ernsten Spiel nicht nur mit mit einer weiblichen (Iphigenie) und einer männlichen (Anacharsis Cloots) Figur aus der Mythologie und Geschichte, sondern auch mit einem Tier, dem Hasen, der für ihn Wesensmerkmale beider Pole zeigt: »Also bin ich ein Hase. Ganz einfach. Ich bin gar kein Mensch.« Dabei sucht Beuys in den Polen immer auch das jeweils entgegengesetzte Element, so ein bewegtes Mittleren ausbildend: Der Künstler als Kunstwerk inmitten seines Kunstwerks.

Der Kulturwissenschaftlers Stephan Stockmar untersucht verschiedene Werkgruppen und Aktionen von Joseph Beuys im Kontext von dessen Leben und Selbstzeugnissen, wobei der sogenannte »Block Beuys« im Hessischen Landesmuseum Darmstadt eine zentrale Rolle spielt.

Reihe ›Philosophie interdisziplinär‹ Band 56, Roderer Verlag Regensburg, 310 Seiten, 34,80 EUR

Inhaltsverzeichnis und Einleitung hier.
Bezug hier.

Weiteres zu Joseph Beuys hier.

 

Zukunftsimpulse im künstlerischen Schaffen Rudolf Steiners.
Ihre Kulturwirksamkeit seit 100 Jahren

Aus: Anthroposophie, Ostern 2025 – Sonderausgabe zum 100. Todestag von Rudolf Steiner

In den beiden Goetheanum-Bauten mit allem, was zu ihnen gehört, hat Rudolf Steiners Kunstschaf­fen seinen wohl umfassendsten Ausdruck gefunden. Gleichzeitig ist es kaum fassbar, wie ein Mensch zwei so unterschiedliche, ja geradezu gegensätzliche Gestaltungen hervorbringen kann, oh­ne einen Bruch zu vollziehen. Beide Bauten – das durch Brand zerstörte erste Goetheanum und das von Steiner noch selbst entworfene, heute auf dem Dornacher Hügel stehende zweite Goetheanum – sind Zeugnisse eines Gestaltungswillens, der auf einem konsequenten Entwicklungsdenken beruht, wie es der von ihm zur Erscheinung gebrachten Anthroposophie immanent ist: Einer Entwicklung, die vollendete Blüten hervorbringt, um durch Nullpunkte hindurch immer neue Anfängen zu ermög­lichen, ganz im Geiste des Goetheschen Metamorphosegedankens. Jede Erscheinung ist Ausgangs­punkt für etwas Neues – in der Weltentwicklung und der geschichtlichen Entwicklung ebenso wie in der biografischen Entwicklung des einzelnen Menschen.

Den ganzen Artikel lesen Sie hier.
Manuskript mit ausführlichen Fußnoten hier.

 

Goethe und Steiner – ein Universalistenpaar

Aus: Info3, März 2025

Wer sich mit Rudolf Steiner und seiner Anthroposophie beschäftigt, stößt immer wieder auf Goethe. Ihm sind nicht nur seine frühen Schriften gewidmet, sondern er ist durch viele Vorträge und Aufsätze bis zum Ende seines Lebens in Steiners Wirken präsent. Als Goethe-Forscher hatte Steiner auch in der allgemeinen Kultur einen Namen. Die von Anthroposophie inspirierte Naturwissenschaft wird heute noch als Goetheanismus bezeichnet. Und von Goethe hat nicht zuletzt der Zentralbau der anthroposophischen Bewegung, das Goetheanum, seinen Namen.

Wie kam es dazu? Was wäre Rudolf Steiner ohne Goethe? Und ließe sich die Frage vielleicht auch umdrehen: Was wäre Goethe (uns) ohne Rudolf Steiner?

Den ganzen Artikel lesen Sie hier.

Zitat des Monats – Januar 2025

»Darum wisset, dass wir hier in diesem Leben Arbeiter und nicht Müßiggänger sind, denn die Geburt des Lebens ist ein steter Streit und eine Arbeit. Je mehr wir werden in Gottes Weinberge arbeiten, je mehr werden wir Früchte erlangen und ewig genießen, und gelanget zu unserem Selbstbau, denn unsere Arbeit bleibet in unserem Mysterio zu Gottes Wunder und zu unserem selbst ewigen Ruhm und Ehren stehen […]«
Jakob Böhme (1575-1624), Sendbrief an Paul Kaym

Gerade haben wir Weihnachten, gefeiert, das Fest der Geburt von Jesus Christus, dem Heils- und Friedensbringer. Es musste von Anbeginn an in schwierigen Zeiten gefeiert werden. Kindermorde finden bis heute statt – nicht nur leiblich, sondern auch seelisch-geistig. Vielleicht ist es gerade dieses andauernde Spannungsverhältnis zwischen hoffnungsvoller innerer Erwartung und bedrängender äußerer Wirklichkeit, das es zu gestalten gilt. Nicht der Wunsch nach Frieden trägt uns weiter, wie auch nicht der kritisch-empörte Blick auf andere Menschen oder quälender Selbsthader, sondern das Ringen mit den widerstreitenden Kräften in mir selbst. Dieses Ringen kann mich reif machen für das Empfangen des »Geisteskind[es] im Seelenschoß« (Rudolf Steiner). Von ihm kommt mir die Kraft zur Arbeit am »Selbstbau« zu, die dann vielleicht auch als lichte Wärme von mir in die Welt ausstrahlen kann. Doch dieser innere Kampf führt mich zunächst durch Passion und Tod.

»Das heißt, der Mensch muss diesen Vorgang der Kreuzigung, der vollen Inkarnation in die Stoffeswelt durch den Materialismus hindurch, selbst auch erleiden. Er muss selbst sterben, er muss völlig verlassen sein von Gott, wie Christus damals vom Vater in diesem Mysterium verlassen war. Erst wenn nichts mehr ist, entdeckt der Mensch in der Ich-Erkenntnis die christliche Substanz und nimmt sie ganz real wahr.«
Joseph Beuys zu Friedhelm Mennekes 1984

Wir haben in Deutschland seit achtzig Jahren in einer Komfortzone gelebt und diese auch genossen. Dabei blieb manches unbearbeitet auf der Strecke. Wir fühlten uns – trotz mancher »Zwischenfälle« – wie auf einer sicheren und prosperierenden Insel, von der aus wir die Katastrophen in anderen Weltgegenden aus der Ferne betrachten konnten. Diese Zeit scheinbarer Sicherheit ist spätestens seit der Pandemie, dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine und dem heftigen Aufflammen des Nahostkonfliktes vorbei. Oftmals versuchen wir durch Parteinahmen, Verurteilungen, Sanktionen oder Boykotte – selbst wenn sie sich nur in unserer Seele abspielen – unser Gewissen zu retten, während andere auf der Flucht ertrinken, verhungern oder sich gegenseitig töten. Wir merken nicht, dass wir so die kriegerischen Auseinandersetzungen nur mit anderen Mitteln fortführen – ohne mit uns selbst in Streit zu kommen.

 Gabriele Münter: Zuhören

Ist das Führen dieses inneren Streites nicht eine Voraussetzung, um mit dem Andersdenkenden, mit dem vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner ins Gespräch zu kommen?  Kann ich anderen so zuhören, dass ich mich in ihrem Spiegel selbst besser kennenlerne? Kann ich anderen durch mein Zuhören helfen, sich selbst besser zu verstehen? Kann ich im Mitleben mit dem Weltgeschehen bei mir bleiben, ohne zu resignieren oder mich ausgeliefert zu fühlen? Kann ich aus mir selbst heraus Zuversicht finden und dann auch die kleinen Lichtfunken erkennen, die es trotz allem überall dort gibt, wo suchende Menschen sind? Und mich mit diesen dann zusammenfinden, mit ihnen gemeinsam schöpferisch tätig werden und so den Keim für eine lebendige Soziale Plastik legen?

Stephan Stockmar                                                                                                                                       

Zitat des Monats – Januar 2024

Hass und Liebe – Vom Umgang mit finsteren Mächten

»Ob ich persönlich an Zauberei glaube? Ganz gewiss gibt es Kräfte, die wir mit unserem Verstand allein nicht erklären können. In meinem Leben bin ich ein paarmal mit solchen Kräften konfrontiert gewesen. Es sind Kräfte des Herzens und Kräfte der Seele, die sich nicht messen lassen, die sich den Kategorien der Wissenschaft entziehen. Das bedeutet nicht, dass sie nicht existieren. Die menschliche Seele ist in der Lage, Energien zu entwickeln, die schwer begreifbar sind: Hass und Liebe, Neid und Mitfreude sind Aspekte davon. Man kann sie zum Guten oder zum Bösen nutzen, zur Weißen oder zur Schwarzen Magie, wie das früher hieß. Die Schwarze Magie beruht auf dem Hass, die Weiße Magie auf den Kräften der Liebe. Ich hoffe, dass das in meinem Buch von Krabat deutlich genug zum Ausdruck kommt.«

Otfried Preußler: ›Krabat – zehn Jahre Arbeit‹, in ders.: ›Ich bin ein Geschichtenerzähler‹, Stuttgart 2010, S. 184-189, dort S. 187f

»Mein Krabat […] ist die Geschichte eines jungen Menschen erzählt, der sich mit finsteren Mächten einlässt, von denen er fasziniert ist, bis er erkennt, worauf er sich eingelassen hat. Es ist zugleich meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation, und es ist die Geschichte aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken. Da gibt es nur einen Ausweg, den einzigen, den ich kenne: den festen Willen, sich davon freizumachen, die Hilfe von treuen Freunden – und jene Hilfe, die einem aus der Kraft der Liebe zuwächst, der Liebe, die stärker ist als die Macht des Bösen und alle Verlockungen dieser Welt.«

Otfried Preußler, ebenda S. 188

Vgl. Wahrbilder für die Gegenwart. Otfried Preußlers ›Krabat‹ neu gelesen

Zitat des Monats – März 2023

Auferstehen im Sprechen miteinander – Heilung der Erde

»Es ist auch jetzt wieder so, daß ich anfangen möchte mit der Wunde. Gehen wir davon aus, daß auch ich zusammenbrechen kann, gehen wir auch davon aus, daß ich bereits zusammengebrochen wäre, daß ich in ein Grab hineingehen müsste, so gäbe es dennoch aus diesem Grabe eine Auferstehung. Wenn ich hier zum Thema vorgefunden habe: Sprechen über dieses Land, so denke ich, das erste, was zu dieser Auferstehung führen würde, wäre der Born dessen, was wir die deutsche Sprache nennen. In dieser Auferstehung aus einer Zerstörtheit, die uns alle betrifft und zu der wir uns auch alle nach außen wenden sollten, sowohl mit unseren Fähigkeiten, aber ganz besonders mit unseren Unfähigkeiten, daß wir im Gehen zu diesem Born, im Benutzen der deutschen Sprache, miteinander ins Sprechen kämen und wir erleben würden, daß aus dem Sprechen miteinander sich uns nicht nur die leibliche Gesundheit wieder einstellen würde, sondern daß wir auch ein elementares, tiefes Fühlen erreichen würden, für das, was auf dem Boden geschieht, auf dem wir leben, für das, was auf dem Acker, was auch im Walde, auf der Wiese, was im Gebirge gestorben ist. Wir würden durch unser eigenes Sich-Verlebendigtwerden durch Sprache den Boden mitnehmen, das heißt, wir würden einen Heilungsprozeß an diesem Boden vollziehen können, auf dem wir alle geboren sind. Im Sprechen dieser Sprache und im offenen Zeigen dessen, was wir nicht können, und im Versuch, ein hohes Ziel anzustreben« …

Joseph Beuys, aus: ›Sprechen über Deutschland‹ – Rede vom 20. November 1985 in den Münchner Kammerspielen, Wangen/Allgäu 2002.

Bild: Christus erscheint als Auferstandener der Maria Magdalena, England 1503/04

Neuerscheinung – siehe hier.

Zitat des Monats – Dezember 2022

Jungfrau mit Kind, von Engeln umgeben. Book of Kells, Irland, um 800

Diese Nacht ist der Abend der großen Geburt,
Geboren ist der Sohn Mariens der Jungfrau.
Die Sohlen seiner Füße haben die Erde erreicht,
Der Sohn der Herrlichkeit kam herunter aus den Höhen,
Himmel und Erde erglühen für ihn …
Die Berge leuchten zu ihm,
Die Ebenen erglänzen für ihn,
Die Stimmen der Wellen mit dem Gesang des Strandes
Verkünden uns: Christ ist geboren!

Aus einem altkeltischen Weihnachtshymnus
Nach Alexander Carmichael: The Sun Dances, Edinburgh 1960
Übersetzung: Jakob Streit

Die Weltlage verdüstert sich zunehmend. Können wir da noch auf eine »große Geburt« hoffen? Sicherlich nicht in Form eines äußeren Ereignisses. Heute wird viel vom »ökologischen Fußabdruck« gesprochen, den der Mensch auf der Erde hinterlässt, sie zerstörend. Heißt dies, dass wir unsere Füße von der Erde lösen müssen, um sie zu erhalten, uns in digitale – transhumanistische – Welten flüchtend? Oder vielleicht gerade das Gegenteil: uns als geistfähige Individuen auf neue Weise mit der Erde zu verbinden, sie wieder sinnlich unter unseren Füßen spürend?

Vielleicht wird die Erde, wenn viele Einzelne die »große Geburt« in sich selbst geschehen lassen, das Wesen Erde wieder erglühen, nun von innen her – vor Freude, dass der Mensch den Sohn in sich aufnimmt. Vielleicht gelingt es uns gemeinsam, solchen Hoffnungen nicht nur Flügel, sondern auch konkrete Füße zu verleihen!

Ein gesegnetes Fest der Geburt und auf ein gutes Neues Jahr!

Stephan Stockmar

 

Beiträge zu Joseph Beuys hier.

Neuerscheinung – siehe hier.

Zitat des Monats – März/April 2022

»Den Krieg, das ist ja der Mars, den könnt ihr nicht abschaffen. Man kann ihn nur metamorphosieren. Man muss verstehen, die Kräfte vom äußeren in den inneren Krieg zu verlegen, also die Ichkräfte zu entwickeln und die ganze Sache als Kampf der Ideen auszubilden. Der Krieg verschwindet nicht, sondern er ist tatsächlich der Vater aller Dinge, jetzt aber als ichgeführte, kraftvolle ideenmäßige Auseinandersetzung mit dem Menschen, der eben ein anderes Prinzip hinstellt. Dann wird man sehen, wo wir gemeinsam den Krieg in der Welt – jetzt ist das ein ganz therapeutischer Krieg geworden – weiterführen können.Das ist m. E. Überhaupt das Grundlegende: dass man gar nicht davon ausgehen kann, dass es keine Gegensätze in der Welt gibt; denn die Gegensätze sind ja da, d. h. Der Krieg existiert, auch dann, wenn die Menschen immer wieder sagen: ›Wir wollen Frieden. Friedensforschung.‹ Das ist sogar genau das Falsche. Die Friedenseuphorie ist gar nicht der Weg, sondern der Weg ist, über den Krieg zu reden, also zu sagen: Setzt euch doch hin, ihr Krieger! Setzt euch doch an den großen runden Tisch, ihr alle mit euren ungeheuren Bärenkräften! Stellt die Kräfte mal heraus, aber jetzt nicht mit so einem dummen Ding, mit einer Maschinenpistole, sondern: Du stellst diese Idee hier hin, und du stellst sie auch hin! Dann wollen wir sehen, wo sich die Wege überschneiden, wo man gemeinsam gegen den eigentlichen Gegner gehen kann; denn der eigentliche Gegner ist ja vorhanden. Das ist doch klar. Aber der Gegner kann heute nicht mehr unter den Menschen gefunden werden.«

Joseph Beuys im Gespräch mit Rainer Rappmann am 14.11.1975, in: Volker Harlan, Rainer Rappmann, Peter Schata: ›Soziale Plastik. Materialien zu Joseph Beuys‹, Achberg 1984, S. 42.

 

»Das gehört mit in den Bereich einer permanenten Konferenz. Es ist ein alchemistisches Modell, das auf die Kreuzigung Christi zurückgeht, eigentlich auf Joseph von Arimathia. Die Idee des Grales ist, dass das Blut Christi aufgefangen und transsubstantiiert wird. Der Legende nach kommt es in den Mittelpunkt der Tafelrunde des Königs Arthus. Der kleine Gral im großen ist also eigentlich das Sinnbild für das Individuum in der Gesellschaft. Die Arthusrunde soll auf die permanente Konferenz erweitert werden. Der Mikrokosmos wird zum Makrokosmos.«

Joseph Beuys im Gespräch mit Antje von Graevenitz 1982 über eine Tafelzeichnung von ihm von 1977, auf der ein doppelter Kelch zu sehen ist, in: Antje von Graevenitz: ›Erlösungskunst oder Befreiungspolitik: Wagner und Beuys‹, in: Gabriele Förg (Hrsg.): ›Unser Wagner: Joseph Beuys, Heiner Müller, Karlheinz Stockhausen, Hans Jürgen Syberberg‹,
Frankfurt am Main 1984, S. 11-49, dort S. 19.

Objekt von Stephan Stockmar

Bitte

von Hilde Domin

Wir werden eingetaucht
und mit den Wassern der Sintflut gewaschen
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch verschont zu bleiben
taugt nicht

Es taugt die Bitte
daß bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
daß die Frucht so bunt wie die Blume sei
daß noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden

und daß wir aus der Flut
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

Aus: Hilde Domin, Sämtliche Gedichte, Frankfurt am Main 2016 (S. Fischer Verlag), S. 181f

Zitat des Monats – Dezember 2021

Bitte

von Hilde Domin

Wir werden eingetaucht
und mit den Wassern der Sintflut gewaschen
wir werden durchnässt
bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht
der Wunsch den Blütenfrühling zu halten
der Wunsch verschont zu bleiben
taugt nicht

Es taugt die Bitte
daß bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe
daß die Frucht so bunt wie die Blume sei
daß noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden

und daß wir aus der Flut
daß wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

Aus: Hilde Domin, Sämtliche Gedichte, Frankfurt am Main 2016 (S. Fischer Verlag), S. 181f

Mit diesem Gedicht wünsche ich allen besinnliche Adventstage, eine lichtvolle Weihnachtszeit und ein inneren wie äußeren Frieden bringendes Neues Jahr!

Stephan Stockmar

Beiträge zum Beuys-Jahr 2021

Im Jahr des 100. Geburtstages von Joseph Beuys habe ich mich intensiv mit diesem Ausnahmekünstler beschäftigt und werde das auch weiterhin tun – siehe hier.

Hier meine bisherigen, meist veröffentlichten Texte zu Joseph Beuys:

Durch die Todeszone hindurch

»Joseph Beuys m Goetheanum« – und nicht nur dort. Zur Beuys-Rezeption in zwei anthroposophischen Zeitschriften

Joseph Beuys als Raumkurator in Stuttgart

Joseph Beuys und Wilhelm Lehmbruck – zwei Ausstellungen

Volker Harlan: »Mit Beuys Evolution denken« – Buchbesprechung

Kraftwerk Block Beuys

Zitat des Monats – Juni 2021

»[…] weil ich meinte, dass diese Dinge, die das Weltall verändern, in unser Bewusstsein gehören, dass man sie hervorheben müsse, denn unterhalb dieses Anspruchs kann man gar nicht bleiben. Aber wenn man so etwas will, dann muss man natürlich auch dafür sorgen, dass diese Dinge leben und wirklich etwas von ihnen ausstrahlt. Man darf sich nicht im geringsten auf formale und stilistische Kriterien einlassen, sondern nur auf das Lebensprinzip der Sache als lebendigem Stoff.
Wenn es nicht in den lebendigen Stoff geht, zerstört sich das Ding selbst.
[…]
Ich will damit nur sagen, dass dieses selbstverändernde Prinzip als Ingredienz, als Stoff, man kann auch sagen als dynamische Medizin, für mich entscheidend gewesen ist.

Joseph Beuys 1979«

Der handschriftliche Text beginnt mit einem Hinweis auf James Joyce: »Ja, es gibt eine Parallelität, und ich habe mich auf Joyce bezogen […]« (es folgt obiger Text). Er wurde 1984 als Multiple ›James Joyce‹ vervielfältigt.

Hinweise auf Ausstellungen anlässlich des 100. Geburtstages von Joseph Beuys am 12. Mai 2021 finden Sie hier:

Nordrhein-Westfalen (verschiedene Orte)
Berlin, Hamburger Bahnhof
Darmstadt, Hessisches Landesmuseum

Besprechung des Buches von Volker Harlan: Mit Beuys Evolution denken, München 2020
Hier ein Artikel zum »Kraftwerk Block Beuys«

Zitat des Monats Februar/März 2020

»Ja, man ist Empfänger, aber man produziert das, was man empfängt, selbst aufgrund seiner eigenen kreativen Möglichkeit. Sonst wäre man ja einfach nur eine passive Durchgangsstation. Man schließt sich dem Inhalt, der überall und irgendwo ist, auf. Aber indem man ihn aufschließt, aus eigener Tätigkeit, das heißt aus Freiheit, verwandelt man auch den vorgegebenen Inhalt im Sinne des Menschen. Das heißt der Mensch ist der Schöpfer der Zukunft und kein anderer.«

Joseph Beuys zu Irmeline Lebeer, 1980, zitiert in: Eva Beuys, Wenzel Beuys: Joseph Beuys. Die Eröffnung 1965 … irgend ein Strang … Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt (Nr. IX der Schriftenreihe des Joseph Beuys Medien-Archivs), Berlin 2010, S. 56f.

Vgl. den unten stehenden Ausstellungshinweis »Kraftwerk Block Beuys«, bis 24. Mai 2020 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt

Diese Äußerung von Beuys passt genau auf die gegenwärtige Situation: Passion und Ostern im Zeichen des Corona-Virus. Dazu hier einige Gedanken.

Wie das gesellschaftliche Corona-Experiment mir zum Selbstexperiment geworden ist, beschreibe ich hier

Zitat des Monats Dezember 2019

Aus Liebe zur Handlung

»Nur wenn ich meiner Liebe zu dem Objekt folge, dann bin ich es selbst, der handelt. […] Ich erkenne kein äußeres Prinzip meines Handelns an, weil ich in mir selbst den Grund des Handelns, die Liebe zur Handlung gefunden habe. Ich prüfe nicht verstandesmäßig, ob meine Handlung gut oder böse ist; ich vollziehe sie, weil ich sie liebe. Sie wird ›gut‹, wenn meine in Liebe getauchte Intuition in der rechten Art in dem intuitiv zu erlebenden Weltzusammenhang drinnensteht; »böse«, wenn das nicht der Fall ist. Ich frage mich auch nicht: wie würde ein anderer Mensch in meinem Falle handeln? – sondern ich handle, wie ich, diese besondere Individualität, zu wollen mich veranlasst sehe. Nicht das allgemein Übliche, die allgemeine Sitte, eine allgemein-menschliche Maxime, eine sittliche Norm leitet mich in unmittelbarer Art, sondern meine Liebe zur Tat.«
Rudolf Steiner, ›Die Philosophie der Freiheit‹ (GA 4), Dornach 1995, S. 162.

»Draußen hinter den Ideen von rechtem und falschem Tun liegt ein Acker. Wir treffen uns dort. Das ist die ganze Aufgabe. Aber um sie zu erledigen, bedarf es zweier Voraussetzungen. Erstens man muss sich treffen wollen. Und zweitens muss man den Acker tatsächlich bearbeiten.«
Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī, persischer Sufi-Mystiker des 13. Jahrhunderts
(zitiert nach Kofi Annan, ›Brücken in die Zukunft. Ein Manifest für den Dialog der Kulturen‹, Frankfurt a.M. 2001.

Vgl. meine Artikel
Wie kommt Neues in die Welt? Von der Ressourcenverwaltung zur Zukunftsgestaltung – Teil I
Aus Liebe zur Handlung. Von der Ressourcenverwaltung zur Zukunftsgestaltung – Teil II