Beuys sammeln

Christoph Otterbeck & Ludwig Rinn: ›Kompass Beuys. Werke aus der Sammlung Ludwig Rinn‹, Schirmer/Mosel Verlag, München 2023, 288 Seiten, 78 EUR

Endlich ist dieser zunächst als Katalog zu einer Ausstellung der Beuys-Sammlung von Ludwig Rinn im Kunstmuseum Marburg 2021/22 konzipierte Band erschienen. Er enthält neben einem langen Gespräch mit dem Sammler über Joseph Beuys und einem Gespräch, das Rinn 1978 mit Joseph Beuys anhand von Werken aus seiner Sammlung geführt hat, auch einige Werkbetrachtungen sowie Hommagen auf den Sammler und langjährigen Wegbegleiter von Beuys. Im Zentrum stehen aber die 137 gut reproduzierten Beuys-Werke – vor allem Zeichnungen aus allen Schaffensperioden (von 1940-1985), einige kleinere Objekte, Multiples und die Rauminstallation ›ö ö‹ (1972/81).

Als ein besonderer Mikrokosmos lässt die Sammlung Rinn auf geradezu poetische Weise Beuys’ revolutionäre Verwandlung des klassischen Kunstbegriffs hin zur jeden Menschen mit seinen individuellen schöpferischen Fähigkeiten einbeziehenden Sozialen Plastik nachvollziehen. Der nun vor- liegende Band mit seinen hervorragenden Abbildungen, den Gesprächen und ergänzenden Beiträgen bietet in diesem Sinne ein Okular auf das gesamte Schaffen von Joseph Beuys.

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Vom Zukunftsweisenden in Goethes Kunstauffassung

Christa Lichtenstern: ›Ich bin ein Plastiker‹. Goethes ungeschriebene Skulptur.sthetik‹, Deutscher Kunstverlag, Berlin & München 2022, 215 Seiten mit vielen, meist farbigen Abbildungen, 38 EUR.

Ich bin ein Plastiker., rief der 77-jährige Goethe in einem Gespräch mit seinem Freund Sulpiz Boisserée im Zorn über einen Kritiker aus, demonstrativ auf seinen geliebten Abguss einer monumentalen antiken Juno-Büste zeigend. Diese für einen Dichter erstaunliche Selbstaussage nimmt Christa Lichtenstern zum Anlass, Goethes ungeschriebene Skulpturästhetik nicht nur zu rekonstruieren, sondern ihr zukunftsgerichtetes Potenzial herauszuarbeiten.

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Zitat des Monats – April 2025

»Wichtig ist vor allem das Bewegungselement. Die Form, wie diese Verkör­perung Christi sich in unserer Zeit vollzieht, ist das Bewegungselement schlecht­hin. Der sich Bewegende. Die rein geistige Gestalt – wenn man mal ein ver­gleichsmäßiges Bild nehmen kann – so eine Gestalt ist da, wie ein Mensch ja auch da ist, wenn er tot ist. Da ist ja sein Leib, der im histori­schen Kontext ge­standen hat, nicht mehr da, aber er ist dennoch da. Wieso ist er da? Das wirft na­türlich ein Licht auf das Wesen des Menschen. […]
Die Bewegung kommt zustande durch eine Provokation, durch eine Ein­weihung, durch eine Initiation zum Zweck der Bewegung. Man ruft etwas hervor, das Bewegungsprinzip selbst. Und hier zeigen sich andere Pole, zeigt sich der Pol des Willens, der Energie; dass man weiß, woher die Bewe­gung ihre Nahrung hat; und es zeigt sich sofort der Formpol, d. h. dass es sich darum handelt, für alle Menschen etwas zu gestalten. Und das ist eine andere Gestalt als die alte. Es ist also das Auferstehungsprinzip: die alte Ge­stalt, die stirbt oder erstarrt ist, in eine lebendige, durchpulste, lebensför­dernde, seelenfordernde, geistfördernde Gestalt umzugestalten. Das ist der erweiterte Kunstbegriff.«

 

Joseph Beuys zu Friedhelm Mennekes am 30. März 1984, in: Friedhelm Mennekes: Joseph Beuys: CHRISTUS DENKEN – THINKING CHRIST, Stuttgart 1996, S. 71/73.

 

Neuerscheinung:

Stephan Stockmar
»Ich bin ein Hase« Die Polarität Männlich-Weiblich als »Generator« im ›Lebenslauf / Werlauf‹ von Joseph Beuys

Die Polarität Männlich-Weiblich durchzieht das ganze Leben und Werk von Joseph Beuys – von einem frühen Gedicht, in dem ein Jüngling und eine Jung­frau miteinander sprechen, über Zeichnungen, auf denen er die Geschlechter auf polare Weise charakterisiert, bis hin zu Skulpturen wie ›Jungfrau‹ und ›Bergkönig‹ und manchen weiteren Arrangements. Doch nicht nur in diesen Werken zeigt sich seine Beschäftigung mit der Grundpolarität des Menschseins seit dem bibli­schen Sündenfall, die in mancher Hinsicht an Jakob Böhmes »männliche Jungfrau« erinnert. Beuys geht noch weitere Schritte in eine existenzielle Ausein­andersetzung: Im Rahmen von Aktionen, die bei ihm nie nur Rollenspiele sind, nimmt er als Mann auch Stellungen ein, wie sie für die gebärende Frau charakte­ristisch sind. Und er identifiziert sich im ernsten Spiel nicht nur mit mit einer weiblichen (Iphigenie) und einer männlichen (Anacharsis Cloots) Figur aus der Mythologie und Geschichte, sondern auch mit einem Tier, dem Hasen, der für ihn Wesensmerkmale beider Pole zeigt: »Also bin ich ein Hase. Ganz einfach. Ich bin gar kein Mensch.« Dabei sucht Beuys in den Polen immer auch das jeweils entgegengesetzte Element, so ein bewegtes Mittleren ausbildend: Der Künstler als Kunstwerk inmitten seines Kunstwerks.

Der Kulturwissenschaftlers Stephan Stockmar untersucht verschiedene Werkgruppen und Aktionen von Joseph Beuys im Kontext von dessen Leben und Selbstzeugnissen, wobei der sogenannte »Block Beuys« im Hessischen Landesmuseum Darmstadt eine zentrale Rolle spielt.

Reihe ›Philosophie interdisziplinär‹ Band 56, Roderer Verlag Regensburg, 310 Seiten, 34,80 EUR

Inhaltsverzeichnis und Einleitung hier.
Bezug hier.

Weiteres zu Joseph Beuys hier.

 

Zukunftsimpulse im künstlerischen Schaffen Rudolf Steiners.
Ihre Kulturwirksamkeit seit 100 Jahren

Aus: Anthroposophie, Ostern 2025 – Sonderausgabe zum 100. Todestag von Rudolf Steiner

In den beiden Goetheanum-Bauten mit allem, was zu ihnen gehört, hat Rudolf Steiners Kunstschaf­fen seinen wohl umfassendsten Ausdruck gefunden. Gleichzeitig ist es kaum fassbar, wie ein Mensch zwei so unterschiedliche, ja geradezu gegensätzliche Gestaltungen hervorbringen kann, oh­ne einen Bruch zu vollziehen. Beide Bauten – das durch Brand zerstörte erste Goetheanum und das von Steiner noch selbst entworfene, heute auf dem Dornacher Hügel stehende zweite Goetheanum – sind Zeugnisse eines Gestaltungswillens, der auf einem konsequenten Entwicklungsdenken beruht, wie es der von ihm zur Erscheinung gebrachten Anthroposophie immanent ist: Einer Entwicklung, die vollendete Blüten hervorbringt, um durch Nullpunkte hindurch immer neue Anfängen zu ermög­lichen, ganz im Geiste des Goetheschen Metamorphosegedankens. Jede Erscheinung ist Ausgangs­punkt für etwas Neues – in der Weltentwicklung und der geschichtlichen Entwicklung ebenso wie in der biografischen Entwicklung des einzelnen Menschen.

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Manuskript mit ausführlichen Fußnoten hier.

 

Goethe und Steiner – ein Universalistenpaar

Aus: Info3, März 2025

Wer sich mit Rudolf Steiner und seiner Anthroposophie beschäftigt, stößt immer wieder auf Goethe. Ihm sind nicht nur seine frühen Schriften gewidmet, sondern er ist durch viele Vorträge und Aufsätze bis zum Ende seines Lebens in Steiners Wirken präsent. Als Goethe-Forscher hatte Steiner auch in der allgemeinen Kultur einen Namen. Die von Anthroposophie inspirierte Naturwissenschaft wird heute noch als Goetheanismus bezeichnet. Und von Goethe hat nicht zuletzt der Zentralbau der anthroposophischen Bewegung, das Goetheanum, seinen Namen.

Wie kam es dazu? Was wäre Rudolf Steiner ohne Goethe? Und ließe sich die Frage vielleicht auch umdrehen: Was wäre Goethe (uns) ohne Rudolf Steiner?

Den ganzen Artikel lesen Sie hier.

 

Mittwoch, 5. Februar 2025   20:00 Uhr, Rudolf Steiner Haus Frankfurt, Hügelstraße 67

»Jeder Mensch ist Anthroposoph«
Joseph Beuys und seine Auseinandersetzung mit der Materie
Joseph Beuys (1921-1986) empfand einen von Rudolf Steiner erhaltenen »Auftrag«, »auf meine Weise den Menschen die Entfremdung und das Misstrauen gegenüber dem Übersinnlichen nach und nach wegzuräumen«. – Aufgrund eigener seelisch-geistiger Erfahrungen und innerlich eng an Rudolf Steiner anknüpfend, fand er seinen ganz eigenen Weg, als Handlungskünstler den Menschen seiner Zeit durch Selbsttransformation an die Schwelle zum Geistigen zu führen.
Vortrag Dr. Stephan Stockmar, Kulturwissenschaftler und Publizist, Frankfurt

Siehe auch hier.

Stephan Stockmar: „PlayBeuys“ mit „Plastischer Fuß Elastischer Fuß“
(Filz und Gummi, Wachs und Bade-Ente, Eisen und Kupfer, Rose in Messzylinder)

22./23. Februar 2025 in Stuttgart

Joseph Beuys – ein moderner Mysterienkünstler
Kolloquium mit Stephan Stockmar im Rahmen des Philosophischen Seminars e.V.
Näheres hier.

Zitat des Monats – Januar 2025

»Darum wisset, dass wir hier in diesem Leben Arbeiter und nicht Müßiggänger sind, denn die Geburt des Lebens ist ein steter Streit und eine Arbeit. Je mehr wir werden in Gottes Weinberge arbeiten, je mehr werden wir Früchte erlangen und ewig genießen, und gelanget zu unserem Selbstbau, denn unsere Arbeit bleibet in unserem Mysterio zu Gottes Wunder und zu unserem selbst ewigen Ruhm und Ehren stehen […]«
Jakob Böhme (1575-1624), Sendbrief an Paul Kaym

Gerade haben wir Weihnachten, gefeiert, das Fest der Geburt von Jesus Christus, dem Heils- und Friedensbringer. Es musste von Anbeginn an in schwierigen Zeiten gefeiert werden. Kindermorde finden bis heute statt – nicht nur leiblich, sondern auch seelisch-geistig. Vielleicht ist es gerade dieses andauernde Spannungsverhältnis zwischen hoffnungsvoller innerer Erwartung und bedrängender äußerer Wirklichkeit, das es zu gestalten gilt. Nicht der Wunsch nach Frieden trägt uns weiter, wie auch nicht der kritisch-empörte Blick auf andere Menschen oder quälender Selbsthader, sondern das Ringen mit den widerstreitenden Kräften in mir selbst. Dieses Ringen kann mich reif machen für das Empfangen des »Geisteskind[es] im Seelenschoß« (Rudolf Steiner). Von ihm kommt mir die Kraft zur Arbeit am »Selbstbau« zu, die dann vielleicht auch als lichte Wärme von mir in die Welt ausstrahlen kann. Doch dieser innere Kampf führt mich zunächst durch Passion und Tod.

»Das heißt, der Mensch muss diesen Vorgang der Kreuzigung, der vollen Inkarnation in die Stoffeswelt durch den Materialismus hindurch, selbst auch erleiden. Er muss selbst sterben, er muss völlig verlassen sein von Gott, wie Christus damals vom Vater in diesem Mysterium verlassen war. Erst wenn nichts mehr ist, entdeckt der Mensch in der Ich-Erkenntnis die christliche Substanz und nimmt sie ganz real wahr.«
Joseph Beuys zu Friedhelm Mennekes 1984

Wir haben in Deutschland seit achtzig Jahren in einer Komfortzone gelebt und diese auch genossen. Dabei blieb manches unbearbeitet auf der Strecke. Wir fühlten uns – trotz mancher »Zwischenfälle« – wie auf einer sicheren und prosperierenden Insel, von der aus wir die Katastrophen in anderen Weltgegenden aus der Ferne betrachten konnten. Diese Zeit scheinbarer Sicherheit ist spätestens seit der Pandemie, dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine und dem heftigen Aufflammen des Nahostkonfliktes vorbei. Oftmals versuchen wir durch Parteinahmen, Verurteilungen, Sanktionen oder Boykotte – selbst wenn sie sich nur in unserer Seele abspielen – unser Gewissen zu retten, während andere auf der Flucht ertrinken, verhungern oder sich gegenseitig töten. Wir merken nicht, dass wir so die kriegerischen Auseinandersetzungen nur mit anderen Mitteln fortführen – ohne mit uns selbst in Streit zu kommen.

 Gabriele Münter: Zuhören

Ist das Führen dieses inneren Streites nicht eine Voraussetzung, um mit dem Andersdenkenden, mit dem vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner ins Gespräch zu kommen?  Kann ich anderen so zuhören, dass ich mich in ihrem Spiegel selbst besser kennenlerne? Kann ich anderen durch mein Zuhören helfen, sich selbst besser zu verstehen? Kann ich im Mitleben mit dem Weltgeschehen bei mir bleiben, ohne zu resignieren oder mich ausgeliefert zu fühlen? Kann ich aus mir selbst heraus Zuversicht finden und dann auch die kleinen Lichtfunken erkennen, die es trotz allem überall dort gibt, wo suchende Menschen sind? Und mich mit diesen dann zusammenfinden, mit ihnen gemeinsam schöpferisch tätig werden und so den Keim für eine lebendige Soziale Plastik legen?

Stephan Stockmar                                                                                                                                       

Zitat des Monats – Januar 2024

Hass und Liebe – Vom Umgang mit finsteren Mächten

»Ob ich persönlich an Zauberei glaube? Ganz gewiss gibt es Kräfte, die wir mit unserem Verstand allein nicht erklären können. In meinem Leben bin ich ein paarmal mit solchen Kräften konfrontiert gewesen. Es sind Kräfte des Herzens und Kräfte der Seele, die sich nicht messen lassen, die sich den Kategorien der Wissenschaft entziehen. Das bedeutet nicht, dass sie nicht existieren. Die menschliche Seele ist in der Lage, Energien zu entwickeln, die schwer begreifbar sind: Hass und Liebe, Neid und Mitfreude sind Aspekte davon. Man kann sie zum Guten oder zum Bösen nutzen, zur Weißen oder zur Schwarzen Magie, wie das früher hieß. Die Schwarze Magie beruht auf dem Hass, die Weiße Magie auf den Kräften der Liebe. Ich hoffe, dass das in meinem Buch von Krabat deutlich genug zum Ausdruck kommt.«

Otfried Preußler: ›Krabat – zehn Jahre Arbeit‹, in ders.: ›Ich bin ein Geschichtenerzähler‹, Stuttgart 2010, S. 184-189, dort S. 187f

»Mein Krabat […] ist die Geschichte eines jungen Menschen erzählt, der sich mit finsteren Mächten einlässt, von denen er fasziniert ist, bis er erkennt, worauf er sich eingelassen hat. Es ist zugleich meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation, und es ist die Geschichte aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken. Da gibt es nur einen Ausweg, den einzigen, den ich kenne: den festen Willen, sich davon freizumachen, die Hilfe von treuen Freunden – und jene Hilfe, die einem aus der Kraft der Liebe zuwächst, der Liebe, die stärker ist als die Macht des Bösen und alle Verlockungen dieser Welt.«

Otfried Preußler, ebenda S. 188

Vgl. Wahrbilder für die Gegenwart. Otfried Preußlers ›Krabat‹ neu gelesen

Zitat des Monats – März 2023

Auferstehen im Sprechen miteinander – Heilung der Erde

»Es ist auch jetzt wieder so, daß ich anfangen möchte mit der Wunde. Gehen wir davon aus, daß auch ich zusammenbrechen kann, gehen wir auch davon aus, daß ich bereits zusammengebrochen wäre, daß ich in ein Grab hineingehen müsste, so gäbe es dennoch aus diesem Grabe eine Auferstehung. Wenn ich hier zum Thema vorgefunden habe: Sprechen über dieses Land, so denke ich, das erste, was zu dieser Auferstehung führen würde, wäre der Born dessen, was wir die deutsche Sprache nennen. In dieser Auferstehung aus einer Zerstörtheit, die uns alle betrifft und zu der wir uns auch alle nach außen wenden sollten, sowohl mit unseren Fähigkeiten, aber ganz besonders mit unseren Unfähigkeiten, daß wir im Gehen zu diesem Born, im Benutzen der deutschen Sprache, miteinander ins Sprechen kämen und wir erleben würden, daß aus dem Sprechen miteinander sich uns nicht nur die leibliche Gesundheit wieder einstellen würde, sondern daß wir auch ein elementares, tiefes Fühlen erreichen würden, für das, was auf dem Boden geschieht, auf dem wir leben, für das, was auf dem Acker, was auch im Walde, auf der Wiese, was im Gebirge gestorben ist. Wir würden durch unser eigenes Sich-Verlebendigtwerden durch Sprache den Boden mitnehmen, das heißt, wir würden einen Heilungsprozeß an diesem Boden vollziehen können, auf dem wir alle geboren sind. Im Sprechen dieser Sprache und im offenen Zeigen dessen, was wir nicht können, und im Versuch, ein hohes Ziel anzustreben« …

Joseph Beuys, aus: ›Sprechen über Deutschland‹ – Rede vom 20. November 1985 in den Münchner Kammerspielen, Wangen/Allgäu 2002.

Bild: Christus erscheint als Auferstandener der Maria Magdalena, England 1503/04

Neuerscheinung – siehe hier.

Zitat des Monats – Dezember 2022

Jungfrau mit Kind, von Engeln umgeben. Book of Kells, Irland, um 800

Diese Nacht ist der Abend der großen Geburt,
Geboren ist der Sohn Mariens der Jungfrau.
Die Sohlen seiner Füße haben die Erde erreicht,
Der Sohn der Herrlichkeit kam herunter aus den Höhen,
Himmel und Erde erglühen für ihn …
Die Berge leuchten zu ihm,
Die Ebenen erglänzen für ihn,
Die Stimmen der Wellen mit dem Gesang des Strandes
Verkünden uns: Christ ist geboren!

Aus einem altkeltischen Weihnachtshymnus
Nach Alexander Carmichael: The Sun Dances, Edinburgh 1960
Übersetzung: Jakob Streit

Die Weltlage verdüstert sich zunehmend. Können wir da noch auf eine »große Geburt« hoffen? Sicherlich nicht in Form eines äußeren Ereignisses. Heute wird viel vom »ökologischen Fußabdruck« gesprochen, den der Mensch auf der Erde hinterlässt, sie zerstörend. Heißt dies, dass wir unsere Füße von der Erde lösen müssen, um sie zu erhalten, uns in digitale – transhumanistische – Welten flüchtend? Oder vielleicht gerade das Gegenteil: uns als geistfähige Individuen auf neue Weise mit der Erde zu verbinden, sie wieder sinnlich unter unseren Füßen spürend?

Vielleicht wird die Erde, wenn viele Einzelne die »große Geburt« in sich selbst geschehen lassen, das Wesen Erde wieder erglühen, nun von innen her – vor Freude, dass der Mensch den Sohn in sich aufnimmt. Vielleicht gelingt es uns gemeinsam, solchen Hoffnungen nicht nur Flügel, sondern auch konkrete Füße zu verleihen!

Ein gesegnetes Fest der Geburt und auf ein gutes Neues Jahr!

Stephan Stockmar

 

Beiträge zu Joseph Beuys hier.

Neuerscheinung – siehe hier.

Neuerscheinung:

„Man schaue was geschieht. Rudolf Steiner als Landschaftsarchitekt am Goetheanum“

Rudolf Steiner (1861-1925), den Begründer der Anthroposophie, kennt man in seinem künstlerischen Werk als Architekten, Bildhauer, Maler und als Autor von Mysteriendramen und Spruch-Dichtungen. Wenig bekannt ist sein Landschaftskunstwerk, das er als Umgebung des Goetheanum in Dornach geschaffen hat.

Diese Anlage schließt durchaus an historische Gartengestaltungen an. So findet man in ihr Anklänge an Klostergärten, Renaissance- und Barockgärten oder auch Landschaftsparks. Doch folgt sie einem ganz eigenen Duktus: Steiner überträgt den Gedanken der Metamorphose, wie ihn Goethe an der Pflanze entdeckt hat, auf die Formensprache der Architektur und lässt die einzelnen Bauwerke je nach Lage auf dem Dornacher Hügel und ihrer Funktion aus dem Grundmotiv (bei Goethe aus dem Urmotiv) der Doppelkuppel entstehen und sich verwandeln. Auch die Gestaltungen im Außenraum folgen dieser Geste. Hier schuf Steiner Landart-Objekte längst bevor man von Landart sprach. Nicht zuletzt durch die spezielle, den zentralen Bau zunächst wie umkreisende Wegeführung entstand zwischen 1913 und 1924 ein Gesamtkunstwerk, das die vorgefundene Natur mit dem Kulturimpuls der Anthroposophie verbindet. Geschaffen um den hölzernen Doppelkuppelbau des ersten Goethanums herum, hat nach dessen Brand 1922/23 diese Anlage den ebenfalls von Steiner entworfenen zweiten Goetheanumbau aus Beton aufgenommen, ohne dass ein Bruch erlebbar ist.

Mit diesem Buch erscheint erstmalig ein Gesamtbild dieses Gartenparks. Sensibilisierende Hinführungen und zahlreiche Bilder öffnen den Blick für die bewusste Begehung eines lebendigen Kunstwerks in der Landschaft. Darüber hinaus wird dessen Entstehung im Kontext des anthroposophischen Kulturimpulses rekonstruiert. Ein dokumentarischer Teil rundet das Buch ab.

Inhaltsverzeichnis hier.
Besprechung aus Info3 hier.

Marianne Schubert, Stephan Stockmar: „Man schaue was geschieht. Rudolf Steiner als Landschaftsarchitekt am Goetheanum“, mit Beiträgen von Charlotte Fischer (Fotos), Rudolf Kaesbach, John Berg, Hansjörg Palm, Hermann Ranzenberger, Alexander Schaumann, Claudia D. Schlürmann. Verlag am Goetheanum, Dornach/Schweiz 2022, 48,– €.

»… als Steiner seine Schwingen zu entfalten begann«

Martina Maria Sam: ›Rudolf Steiner. Die Wiener Jahre 1884-1890‹, Verlag am Goetheanun, Dornach 2021, 536 Seiten, mit vielen Abb., 50 EUR

In Fortsetzung ihrer 2018 erschienenen dokumentarischen Biografie über Rudolf Steiners Kindheit und Jugend hat Martina Maria Sam, Eurythmistin, promovierte Geisteswissenschaftlerin, Vortragende und Publizistin sowie Herausgeberin im Rudolf Steiner Archiv, nun einen Band über Steiners Wiener Jahre nach Abschluss seiner Studienzeit vorgelegt. Dies war eine Zeit der Auseinandersetzung mit den vielfältigen zeitgenössischen Geistesströmungen und des Suchens nach der eigenen Lebensaufgabe, wobei die Beschäftigung mit Goethe sich wie ein roter Faden hindurch zieht – von der Herausgabe dessen naturwissenschaftlicher Schriften über die Ausarbeitung einer eigenen »Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung« bis hin zur Entdeckung des esoterischen Goethes in dessen Märchen Ende der 1880er Jahre.

Martina Maria Sam geht all diese Begegnungen und Themen ausführlich nach, sie so weitgehend wie möglich durch Briefe und Dokumente, Rezensionen, Erinnerungen der Beteiligten und biografische Angaben zu den einzelnen Persönlichkeiten dokumentierend.

Die ganze Besprechung finden Sie hier, die Besprechung des ersten Bandes hier.

Zitat des Monats – Oktober 2022

»Wie kann jedermann, d.h. jeder lebende Mensch auf der Erde, ein Gestalter, ein Plastiker, ein Former am sozialen Organismus werden? Dann ist man aber auch an einer Stufe von Kunstentwicklung angelangt, die viel spiritueller ist als jede Kunstentwicklung zuvor. Man arbeitet dann in einem wirklich lebendigen Material, während der Bildhauer […] in einem festen Material oder einem mehr flexiblen Material arbeitet. […].

Der materielle Prozess ist immer ein späterer, d.h. es gibt erst mal das Evolutionsprinzip, das ja offen und beweglich ist, und dann vermaterialisiert es sich. […] Inwieweit ein zukünftiger planetarischer Zustand andere Konditionen von Materie aufweist, darüber will ich gar nicht vorgreifen. Aber, um dahin zu kommen, braucht es erst einmal wieder die allgemeine, offene, lebendige, fließende Substanz, die am besten dadurch charakterisiert wird – das ergibt sich auch ganz logisch aus dem Kunstbegriff selbst –, daß sie Wärmecharakter hat, aber natürlich keine physische Wärme, also keine physikalische Wärme wie Ofenwärme, sondern soziale Wärme. Es ist wohl haargenau dasselbe, was die eigentliche Liebessubstanz ist. Sie hat sakramentalen Charakter. Aber es ist eine Substanz […], eine reale Substanz. Es ist also eine höhere Form von Wärme, es ist eine evolutionäre Wärme, wie ich diese Wärme nenne. Das andere ist eben die in Materiegesetzmäßigkeiten verkörperte Wärme, an materielle Prozesse gebundene Wärme. […]

Es bleibt im Grunde dabei, daß es sehr wichtig ist, diesen Kunstbegriff zu entwickeln, wo jeder lebende Mensch ein Gestalter einer lebendigen Substanz werden kann. Das ist der soziale Organismus.«

Joseph Beuys zu Rainer Rappmann am 7.4.1974, in in Harlan, Rappmann, Schata: Soziale Plastik, Wangen/Allgäu 1984, S. 20.

Äußerungen von Beuys über den Krieg

Hier ein Bericht vom Beuys-Symposion am Goetheanum im Mai 2022. Weitere Beiträge zu Beuys hier.

Neuerscheinung – siehe hier.